Porträt : "Die Türkei wird für Europa ein Gewinn sein"

Das Amt ist neu für ihn, aber die Materie keineswegs: Ahmet Davutoglu, der neue türkische Außenminister, ist seit Jahren so etwas wie die graue Eminenz in den auswärtigen Beziehungen Ankaras.

Thomas Seibert
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Foto: AFP

Der 50-jährige außenpolitische Chefberater von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist der Architekt jener Vision, mit der die Türkei in den vergangenen Jahren ihren Einfluss im Nahen Osten und anderen Nachbarregionen ausgebaut hat. Davutoglu wird mitunter als Kopf einer Denkschule der „neuen Osmanen“ bezeichnet. Er sieht den Staat Atatürks als Erben eines Weltreiches, der sein Licht außenpolitisch viel zu lange unter den Scheffel gestellt hat.

Während die türkische Außenpolitik über Jahrzehnte die feste Westbindung des Landes in den Vordergrund stellte und sich besonders um gute Beziehungen zu den USA bemühte, hat Davutoglu als Erdogans Berater in den vergangenen Jahren eine Neuausrichtung durchgesetzt, die er „multidimensional“ nennt. Andere Länder könnten ihre Außenpolitik auf eine einzige Weltregion konzentrieren, sagte er kürzlich. Die Türkei aber liege am Schnittpunkt vieler verschiedener Regionen – Nahost, Kaukasus, Russland, Balkan, Europa – und müsse entsprechend auf vielen verschiedenen Ebenen handeln. Der Politikprofessor ließ es nicht bei theoretischen Überlegungen. Vor drei Jahren überraschte er die westlichen Partner der Türkei – und auch die Diplomaten im türkischen Außenministerium – mit einer Einladung an die radikale Palästinenser-Organisation Hamas nach Ankara. Schritt für Schritt baute die Türkei anschließend ihr Engagement im Nahen Osten aus und brachte Syrien und Israel zu indirekten Friedensgesprächen zusammen.

Davutoglus Vision hat Befürchtungen verstärkt, die Türkei könne sich vom Westen abwenden. Er selbst sieht das anders. Bessere Beziehungen zum Nahen Osten oder zu Russland seien keine Alternative zum EU-Streben des Landes, sondern „harmonische“ Teile eines umfassenden außenpolitischen Ansatzes. Mit ihrer aktiveren Außenpolitik werde die Türkei für Europa „keine Last, sondern ein Gewinn sein“, sagte Davutoglu kürzlich.

Allerdings ist nicht zu übersehen, dass die EU heute für Ankara weniger wichtig ist als noch vor Jahren. So ist niemand in der türkischen Hauptstadt sonderlich besorgt angesichts des schleppenden Tempos der EU-Beitrittsgespräche. Auch der neue Außenminister nicht: Er hat anderes zu tun. Thomas Seibert

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