Porträt : „Die Unruhe der Erinnerung“

Saul Friedländer ist Friedenspreisträger 2007.

Gerrit Bartels

Als Saul Friedländer dieses Jahr in Leipzig den Preis der Leipziger Buchmesse zuerkannt bekam, empfing ihn bei der Verleihung ein warmer, fast entschuldigender Applaus. Der Preis erschien einigen als eine Idee zu klein, um ausreichend würdigen zu können, was Saul Friedländer mit seinem zweibändigen Werk „Das Dritte Reich und die Juden“ geleistet hatte: eine Gesamtschau der Schoah, die nicht allein durch die Souveränität der Interpretation beeindruckt, sondern auch dadurch, dass sie das Geschehen zusätzlich durch die Wahrnehmung der jüdischen Opfer rekonstruiert.

Nur folgerichtig ist es insofern, dass Friedländer nun auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Er habe, so die Jury in ihrer Begründung, „den zu Asche verbrannten Menschen Klage und Schrei gestattet, Gedächtnis und Namen geschenkt“. Friedländer, der 1932 in Prag als Pavlicek Friedländer geboren wurde und seine Eltern in Auschwitz verlor, ist Historiker und als solcher der objektiven Geschichtsschreibung verpflichtet. Ihm ist es jedoch immer ein Anliegen gewesen, die Historiografie mit der „Unruhe der Erinnerung“ zu konfrontieren, mit dem Schmerz und dem Leiden der Opfer. Was nicht zuletzt auf seinen persönlichen Hintergrund und den Umgang damit zurückzuführen ist. Als er 1978 auf Französisch seine Kindheitserinnerungen „Wenn die Erinnerung kommt“ schrieb, hätte er den Eindruck bekommen, so Friedländer einmal, „dass sich der Bann des Grauens löst, wenn man ihm erinnernd standhält“.

Auf genauso berührende wie nüchterne Weise schildert Friedländer in diesem Erinnerungsbuch, wie er in Prag in einer assimilierten jüdischen Familie aufwächst und 1939 mit seinen Eltern nach Frankreich emigriert. Diese bringen ihn, als sie nach der Besetzung Frankreichs versuchen, in die Schweiz zu flüchten, in einem katholischen Internat unter, wo er als getaufter Katholik unter dem Namen Paul- Henri Ferland den Krieg überlebt. Erst nach Kriegsende erfährt er vom Holocaust. Er konvertiert erneut, nimmt den Namen Saul an und wandert nach Palästina aus.

Friedländer hat den Konflikt, persönlich Betroffener und professioneller Historiker zu sein, in seinen Arbeiten produktiv umgesetzt. Es passt da ins Bild, dass er jetzt, da sein Opus magnum abgeschlossen ist, an einem Buch über Kafka sitzt. Und dass auch, so Friedländer in einem Interview, weil nunmal Prag die Stadt seiner frühesten Kindheit sei. Die Erinnerung lässt einen eben nie los. Gerrit Bartels

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