PORTRÄT DMITRI MEDWEDEW, RUSSISCHER PRÄSIDENT: : "Wurst ist kein Ersatz für Freiheit"

Bahnt sich da ein Bruch an im bisher so einträchtigen Verhältnis zwischen Dmitri Medwedew und seinem politischen Ziehvater Wladimir Putin? Kaffeesatzleser jedenfalls verfallen in Aufregung.

Jens Mühling
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Foto: dpa

Sein erstes Interview hatte Russlands Präsident nicht irgendeiner Zeitung gegeben, sondern ausgerechnet der „Nowaja Gaseta“, die nicht erst seit der Ermordung ihrer Reporterin Anna Politkowskaja ein kritisches Verhältnis zum Kreml pflegt.

Als Politkowskaja vor zweieinhalb Jahren erschossen wurde, hatte Putin lediglich angemerkt, ihre Artikel hätten „Russland weniger geschadet als ihr Tod“. Dass der zynische Kommentar insbesondere im westlichen Ausland Entsetzen auslöste, blieb im Kreml offenbar nicht unbemerkt: Als im Januar mit Anastasija Baburowa erneut eine Journalistin der „Nowaja Gaseta“ ermordet wurde, bekundete Medwedew der Zeitung sein Beileid und stellte das nun erschienene Interview in Aussicht.

Darin ergeht sich Medwedew zwar weitgehend in Floskeln, doch ein paar Formulierungen machten Kreml-Astrologen hellhörig: „Auf keinen Fall“, erklärte der Präsident, dürfe ein Leben in Stabilität und Wohlstand den Verlust politischer Rechte bedeuten, dürfe „Demokratie gegen Sättigung“ oder „Freiheit gegen Wurst“ ausgespielt werden. Damit löst sich Medwedew zumindest rhetorisch vom Gesellschaftsvertrag Putin’scher Prägung, der die Bürger zu Loyalität gegenüber den Regierenden verpflichtete, solange diese für wachsenden Wohlstand sorgten.

Mit der Wirtschaftskrise gerate dieses Modell zunehmend ins Wanken, bemerkte zurecht Dmitri Muratow, der Chefredakteur der „Nowaja Gaseta“. Medwedew stimmte ihm zu – ohne jedoch erklären zu können, welche Gesellschaftsordnung Putins Modell ablösen könnte. Immerhin sprach Medwedew von der Demokratie als „historischer und übernationaler Kategorie“ – und ging auch damit auf Distanz zu seinem Amtsvorgänger, der gerne den Sonderweg einer russischen, „gelenkten“ Demokratie beschworen hatte.

Wenig Erhellendes hingegen vermochte Muratow dem Präsidenten zum Chodorkowski-Prozess, zur Korruptionsbekämpfung oder den wenig demokratischen Umständen der Bürgermeisterwahl in Sotschi zu entlocken: Hier wich Medwedew in Allgemeinplätze aus. „Wichtig ist nicht, was er gesagt hat“, schrieb denn auch eine Kommentatorin auf der Internetseite der Zeitung, „sondern wo es gedruckt wurde.“ 

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