Porträt : Donald Tusk: "Ich schüre keine Emotionen"

Das hat schon etwas Denkwürdiges, was da am Donnerstag im Aachener Rathaus vor sich gehen wird: Mitten in der größten Bewährungskrise Europas seit Jahrzehnten wird der Karlspreis verliehen, jener Nobelpreis für Europa, der reserviert ist für die renommiertesten Persönlichkeiten, die sich um europäische Einigung verdient gemacht haben – und wer bekommt ihn? Ein Pole.

Sebastian Bickerich

Dass Ministerpräsident Donald Tusk damit in einer Reihe mit Bill Clinton, Vaclav Havel, Helmut Kohl, Winston Churchill und Papst Johannes Paul II. steht, mag jedoch nur auf den ersten Blick überraschen.

Denn zum einen ist Tusk in den vergangenen Jahren zu einem der ganz wenigen Politiker von Format in Europa gereift, die glaubwürdig für die Idee der Einigung des Kontinents stehen. Gegen den Widerstand der Konservativen im eigenen Land setzte der stets zurückhaltend auftretende Pragmatiker den Lissabon- Vertrag durch, außenpolitisch gründete er erfolgreich die Ostpartnerschaft der EU und brachte seinen Landsmann Jerzy Buzek als Präsidenten des Europaparlaments durch.

Zum anderen führt er das europaweit wohl derzeit erfolgreichste Land überhaupt. Im Krisenjahr 2009 konnte Polen als einziger EU-Staat ein Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent aufweisen. Vor allem aber kennt das Land ein Phänomen nicht, das derzeit fast alle Euroländer an den Rande des Abgrunds treibt: Die Schuldenquote Polens liegt deutlich unter 60 Prozent des Bruttosozialproduktes – in Deutschland sind es bald 70 Prozent, in Griechenland und Italien über 100 Prozent. Zwar steht auch Polens Regierung vor dem Problem steigender Schulden; der Beitritt in den Euro-Raum musste auf frühestens 2012 verschoben werden. Doch anders als die verschwenderischen Staaten des Südens und länger als Deutschland kennt Polens Verfassung das Prinzip der Schuldenbremse.

Vor diesem Hintergrund ist das Kräfteverhältnis zwischen Tusk und Angela Merkel, die am Vatertag die Laudatio halten soll, ganz anders, als man denken mag. Auch in Polen hat der schwankende Kurs der Kanzlerin in der Griechenlandkrise für Verwirrung gesorgt; auch kommt der deutsch-französische Motor nicht mehr so richtig auf Touren. So kann sich Merkel am Donnerstag in Tusks Licht ein wenig sonnen – und wird ihre Laudatio hoffentlich dazu nutzen, ihren Gestaltungsanspruch für Europa zu formulieren.

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