PORTRÄT DONALD TUSK POLNISCHER PREMIER: : „Enthüllung der Wahrheit“

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Tagelang konnte er ungestört schöne Kurven ziehen. Doch dann ereilte Donald Tusk die zweite polnische Luftfahrtkatastrophe. Ausgerechnet im Skiurlaub in den Dolomiten wurde Polens Regierungschef diesmal gestört. Die Russen, mit denen sich der Pole nach jahrelanger Eiszeit wieder versöhnen will, hatten ihm einen Strich durch seine Ferienpläne gezogen und für Mittwoch kurzfristig die Präsentation ihres Abschlussberichts über die Unfallursachen der polnischen Präsidentenmaschine im April 2010 bei Smolensk anberaumt.

Niemand sei im Lande gewesen, um die Ehre der polnischen Armee zu verteidigen, klagte danach die Witwe des Luftwaffenchefs. Jener soll sich – laut der russischen Untersuchung – nicht nur mehrmals unerlaubt im Cockpit aufgehalten und damit „massiven Druck“ auf die Besatzung ausgeübt haben, sondern auch beschwipst gewesen sein. Zudem, so der Bericht der in Moskau vorgestellten „Zwischenstaatlichen Luftfahrtkommission“ (MAK), seien die polnischen Militärpiloten, die Spitzenpolitiker wie Tusk und den tragisch verunfallten Staatspräsident Lech Kaczynski durch die Welt fliegen, mangelhaft ausgebildet gewesen. Fehler auf der russischen Seite, etwa im Tower oder bei der Ausrüstung des Smolensker Flughafens, fand die MAK keine.

Das schmerzt (fast) jeden Polen, nicht nur Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski, der seit dem Unglück fast nur noch mit dem tragischen Schicksal seines Zwillingsbruders Politik macht. Auch Tusk gab sich am Donnerstagmittag, mehrere Stunden nach seiner überstürzten Heimkehr von der Skipiste, ernst und zerknirscht. „Dieser Bericht ist nicht komplett“, sagte Tusk und bemängelte das Fehlen von Aussagen über die Kontakte zwischen dem Cockpit der polnischen Unglücksmaschine und dem russischen Tower in Smolensk. „Nur ein Teil unserer Zusätze und Anstöße wurde berücksichtigt“, klagte der Regierungschef und forderte „die Enthüllung der Wahrheit“. Die Regierung werde nun – wie im Internationalen Luftfahrtprotokoll von Chicago vorgesehen – Moskau darum bitten, einen wirklich gemeinsamen Standpunkt zu erarbeiten. Schlage Moskau dieses Angebot aus, würden internationale Schiedsgerichte angerufen, droht Tusk den Russen.

Damit hat zwischen Warschau und Moskau nach den schönen Versöhnungsgesten seit dem tragischen Absturz der Präsidentenmaschine wieder die Realpolitik Einzug gehalten. Paul Flückiger

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