PORTRÄT EHRHART KÖRTING BERLINS INNENSENATOR: : „Reden – so lange wie möglich“

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Der Stein, den der mythische Sisyphos zeitlebens einen Berg hinaufzurollen hatte, soll groß gewesen sein. Handlich sind die Pflastersteine, die für den Berliner Innensenator Ehrhart Körting in ein paar Tagen wieder zum großen Thema werden. Um den 1. Mai herum werden Berliner Autonome die griffigen Steine wieder zu Wurfgeschossen machen. Und der Innensenator wird sich das zu erwartende Gewaltritual nächtelang ansehen, vermutlich nicht mal den Kopf schütteln, obgleich ihm danach sein dürfte, und der Außenwelt den Stoizismus zeigen, der ihn mit Sisyphos verbindet.

Wäre das Randale-Ritual nicht so ermüdend, würde Körting vielleicht ein paar Betrachtungen über das sinuskurvenartige An- und Abschwellen autonomer Gewalt wagen. Dafür fehlt dem Publikum die Geduld, und so beschränkt sich Körting vor dem 1. Mai in dezent-ironischer Art auf die Erläuterung der polizeilichen Deeskalationsstrategie und des Demonstrationsrechts, das auch für Rechtsextremisten gilt. Längst hofft auch in Kreuzberg niemand mehr, dass die alternativ-freakige Bürgerschaft mit dem „Myfest“ die Straße und den Tag für sich zur Feier zurückerobert. So steht dem Senator die achte Wiederholung der Gewaltorgie bevor, und in diesem Jahr sind die Warnungen vor Randale lauter als im vergangenen. 2009 waren 479 Polizisten verletzt worden.

Körting weiß genau, dass ihn die Autonomen Berlins und/oder militante Neonazis an jedem 1. Mai um sein Amt bringen können. Käme es ganz schlimm – er müsste und würde die „politische Verantwortung“ übernehmen, auch wenn diesem Innensenator niemand unterstellen kann, die öffentliche Ordnung und der Rechtsstaat seien ihm nur Politikerworthülsen.

Ginge es nicht um Landespolitik, könnte man Körting ohne Weiteres einen Staats-Mann nennen, einen, dem die Verfassung fast heilig ist. Hinter allen Ordnungsfragen und dem tagespolitischen Gezerre um Tarife und Personalausstattung ist manchmal ein Innensenator mit eigenen Interessen zu bemerken – einer mit empfindlichem Gespür für Politik hinter der Tagespolitik. Vom Streit ums Kopftuch im öffentlichen Dienst bis zu den Beziehungen zu diversen muslimischen Glaubensgemeinschaften – was mit der Einwandererstadt Berlin zu tun hat, war und ist bei Körting besser untergebracht als bei allen anderen Mitgliedern des Senats, Klaus Wowereit inklusive. Weil Körting glaubt, dass Gesprächsbeziehungen wichtiger sind als Talkshows. Werner van Bebber

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