Porträt Elisabeth Badinter : "Wider die Tyrannei der Mütterlichkeit"

Elisabeth Badinters Buch "Der Konflikt. Die Frau und die Mutter" erscheint nächste Woche in Deutschland. Die Philosophin und Feministin sieht die Gleichheit der Geschlechter durch eine unheilvolle Allianz bedroht.

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Elisabeth Badinter.
Elisabeth Badinter.Foto: AFP

Der Aufschrei in Frankreich war riesig, als die feministische Philosophin und Soziologin Elisabeth Badinter ihre provokanten Thesen zur „Tyrannei der Mütterlichkeit“ vorstellte. Innerhalb von Tagen an der Spitze der Bestsellerlisten, erregte das Plädoyer gegen die Rückkehr zur Mütterlichkeit als Zentrum weiblicher Identität die Gemüter. Dabei liest sich die Streitschrift eher wie ein Plädoyer gegen deutsche Zustände – denn in Frankreich ist die Begeisterung für das Stillen, für die Aufgabe des Berufs mit der Familiengründung und die Überhöhung des Mythos der Mutterliebe gar nicht so weit verbreitet. Spannend wird daher die Reaktion in Deutschland, wo das Buch „Der Konflikt. Die Frau und die Mutter“ nächste Woche erscheint.

Die 66-jährige Intellektuelle bleibt ihrer Tradition treu, die den Feminismus als Kampf für die Gleichheit der Geschlechter versteht. Diese sieht sie bedroht durch eine unheilvolle Allianz aus Ökobewegung, neokonservativer Gesellschaftspolitik und dem neuen Feminismus, der mehr für die Anerkennung der Andersartigkeit von Frauen kämpft als für ihre Gleichstellung. Die Neubewertung des Stillens veranschaulicht ihrer Meinung nach, wie sich das Frauenbild verschoben hat. Selbst Französinnen fühlten sich aufgrund des gesellschaftlichen Drucks mittlerweile schuldig, wenn sie ihre Kinder nicht oder nur kurz stillten. Das neue Umweltbewusstsein, das auswaschbare Stoffwindeln verlangt, ebenso wie die Idealisierung der neuen Mütterlichkeit in Zeiten der Arbeitslosigkeit schränkten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen immer stärker ein. Babies würden zum „besten Verbündeten der männlichen Dominanz“.

Der Werdegang Badinters, der dreifachen Mutter und Professorin, verleiht ihren Thesen besonderen Nachdruck. Als 22-Jährige bekam sie ihr erstes Kind, zusammen mit dem Anwalt und späteren Justizminister Robert Badinter; sie wurde Professorin an der Elitehochschule Ecole Polytechnique und ist Präsidentin des Aufsichtsrates der Kommunikationsfirma Publicis ihres Vaters. Angetrieben ist Badinter von der Furcht, die gesellschaftliche Überhöhung der Mutterrolle könnte auch in Frankreich mehrheitsfähig werden. Gleichzeitig verteidigt Badinter aber auch ihr eigenes Gedankengebäude, das sie vor 30 Jahren mit ebenso provokanten Ansichten zu errichten begann: mit der Demontage der angeblich rein instinktiven „Mutterliebe“.Andrea Nüsse

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