PORTRÄT ENDA KENNY WAHLSIEGER IN IRLAND: : „Ein Moment der Verwandlung“

Martin Alioth
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Er elektrisiert den Raum nicht, wenn er ihn betritt. Der einstige Volksschullehrer Enda Kenny aus Castlebar in der westirischen Grafschaft Mayo ist auch kein begnadeter Redner, ja gelegentlich hat er etwas Mühe, sich an die technischen Einzelheiten seiner eigenen Pläne zu erinnern. Trotzdem titelte die irische Boulevardpresse am Sonntag „King Enda“: Denn kurz vor seinem 60. Geburtstag wird Kenny, der klare Sieger der irischen Parlamentswahl vom vergangenen Donnerstag, das Amt des irischen Premierministers übernehmen.

Er ist ein typisches Produkt der eigentümlichen irischen Politik: Der inzwischen dienstälteste Abgeordnete des Dáil, des irischen Abgeordnetenhauses, „erbte“ den Sitz 1975 von seinem Vater Henry. Nur einmal, in den 90er Jahren, diente er zweieinhalb Jahre lang im Kabinett und selbst da in der wenig prominenten Rolle als Minister für Handel und Tourismus. Wie konnte diese eher blasse Figur die ewige Zweite der irischen Politik, die zentristische Fine-Gael-Partei, zum besten Wahlergebnis seit 1922 führen? Enda werde immer unterschätzt, sagte sein Kollege Phil Hogan am Sonntag wieder. In der Tat. Seine Parteifreunde loben Kennys Fähigkeit zu delegieren, er sei, im Gegensatz zu den meisten Politikern, kein bisschen eitel.

Die Leistungen des Vaters von drei Kindern sind beachtlich. 2002, als er den Parteivorsitz und die Führung der Opposition übernahm, war Fine Gael moribund. Die Wähler hatten gerade die alte Rivalin, Fianna Fáil, in der Regierung bestätigt und die Opposition bestraft. Fünf Jahre später eroberte Kenny 20 Mandate zurück, vergangene Woche triumphierte Fine Gael und gewann insgesamt etwa 77 der 166 Sitze – mehr als sein charismatischer Vorgänger Garret FitzGerald 1982 geschafft hatte. In seinem eigenen Wahlkreis, Mayo, vollbrachte Kenny ein Kunststück, das noch kein irischer Politiker je geschafft hatte: Er gewann vier von fünf verfügbaren Mandaten für Fine Gael.

Kenny selbst beschreibt sich gerne als „Chairman“, als Aufsichtsratsvorsitzender, der die Zügel mit sanfter Hand führt, anstatt Testosteron zu verschwenden. Bisher hatte er Erfolg mit diesem Vorgehen. Viel politischer Spielraum bleibt ihm ja ohnehin nicht: An der Spitze einer Koalitionsregierung mit der Labour-Partei wird er die Wünsche des Internationalen Währungsfonds und der EU umsetzen und seinen Landsleuten weitere Entbehrungen schmackhaft machen müssen. Martin Alioth

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