PORTRÄT : „Es gab keinen Genozid an den Ukrainern“

Alexander Solschenizyn ist russischer Schriftsteller. Auch zu Hause ist der Literat wegen seiner Wandlung zum großrussischen Chauvinisten umstritten.

Elke Windisch

Vor dem Versuch, Brudervölker zu entzweien, warnte Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn die ukrainische Führung in einem Interview mit der regierungsnahen russischen Zeitung „Iswestija“. Forderungen Kiews, die Hungersnöte, bei denen Anfang der 30er Jahre zehn Millionen Menschen umkamen, international als Völkermord anzuerkennen, seien „Geschichtsklitterung“. In der KP-Führung, die damals aus Geldnot trotz Missernte Getreide in Massen exportierte, hätten neben Russen auch viele Ukrainer gesessen. Sogar antirussische Nationalisten hätten daher ihren „provokatorischen Aufschrei“ über Jahrzehnte unterdrückt. Richtig auf Touren gebracht habe ihn ohnehin erst der Westen. Eben jener Westen, in dem Solschenizyn vor den Verfolgungen sowjetischer Kulturbonzen Zuflucht fand und von dem er sich jetzt vorhalten lassen muss, „russische Geschichte nicht zu verstehen“.

Der auch zu Hause wegen seiner Wandlung zum großrussischen Chauvinisten umstrittene Literat steht mit seinen Pöbeleien gegen den ostslawischen Bruder nicht allein: Auch die Duma verabschiedete dieser Tage eine Erklärung zum Thema. Von den Hungersnöten, heißt es, seien auch Teile Russlands betroffen gewesen, von einer gezielten Ausrottung der Ukrainer könne nicht die Rede sein.

Das stimmt in der Tat. Doch der Ton macht die Musik, und die erinnert an anschwellenden Bocksgesang. Der Grund: Wie Georgien bemüht die Ukraine sich um Beitrittsverhandlungen mit der Nato. Um die zu verhindern, läuft in Russland seit geraumer Zeit eine Kampagne, deren Ziel darin besteht, Kiew eine unterentwickelte Zivilgesellschaft nachzuweisen. Solche Mängel sind neben ungeklärten Grenzfragen laut Nato-Statuten der wichtigste Grund, Beitrittswilligen die Aufnahme zu verweigern. Für das Embryonalstadium der ukrainischen Zivilgesellschaft spricht aus russischer Sicht auch, dass Kiew sich seit der Unabhängigkeit 1991 eine eigene Deutung der über 1000-jährigen gemeinsamen Geschichte „anmaßt“. Putin verdonnerte seinen ukrainischen Amtskollegen Viktor Juschtschenko daher beim Gasstreit im Februar auch zu gemeinsamen Feierlichkeiten zum 300. Jahrestag der Schlacht von Poltawa im Sommer 2009. Für Juschtschenko eine Demütigung, denn die Ukraine kämpfte damals auf der Seite Schwedens gegen Moskau und unter Führung von Hetman Iwan Mazeppa, der in der Ukraine Nationalheld ist, in Russland dagegen Landesverräter. Elke Windisch

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