PORTRÄT FADELA AMARA STAATSSEKRETÄRIN IN PARIS: : „Das finde ich zum Kotzen“

Hans-Hagen Bremer

Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Als die Staatssekretärin für Stadtentwicklung kürzlich im Ministerrat über ihren Plan zur Verbesserung der Lage in den Vorstädten berichtete, würzte sie ihren Vortrag mit Begriffen aus dem Verlan, dem Jargon der Jugendlichen aus dem Einwanderermilieu. Einige Mitglieder der Regierung rümpften über die Ausdrucksweise ihrer Kollegin die Nase.

Präsident Nicolas Sarkozy war dagegen amüsiert. Er schätzt die streitbare Aktivistin von Immigrantenorganisationen, die er der Linken für seine Politik der Öffnung über die Parteigrenzen ausspannte. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde die 1964 in Clermont-Ferrand als eines von elf Kindern eines algerischen Bauarbeiters geborene Amara 2002 bekannt. Nach dem Tod einer 17-jährigen Schülerin, die in einer Pariser Vorstadt von Klassenkameraden bei lebendigem Leib verbrannt worden war, weil sie sich ihnen verweigerte, hatte Amara die Bewegung „Ni putes, ni soumises“ (Weder Nutten noch Unterworfene) gegründet, die für die Rechte von Mädchen aus Immigrantenfamilien kämpft.

Jetzt hatte der Präsident wieder Gelegenheit, sich vor seine Staatssekretärin mit dem losen Mundwerk zu stellen. In einem Rundfunkinterview hatte Amara ihre Ablehnung gegen den von der Regierungspartei UMP im Parlament durchgesetzten Zusatz zum neuen Einwanderungsgesetz erklärt, das bei Familienzusammenführungen Gentests vorsieht. Auch andere Regierungsmitglieder, unter ihnen Außenminister Bernard Kouchner, machten aus ihrer Abneigung gegen die auch von den Kirchen und Menschenrechtsaktivisten kritisierten Vorschrift keinen Hehl. Doch niemand wählte so drastische Worte wie Amara. „Ich bin es leid, dass die Einwanderung immer wieder für bestimmte Zwecke instrumentalisiert wird“, sagte sie. „Ich finde das zum Kotzen.“

Damit löste Amara eine Kontroverse aus, die seit Tagen Schlagzeilen macht. Die Sozialisten forderten sie auf, konsequent zu sein und zurückzutreten. Dasselbe legten ihr UMP-Abgeordnete nahe. Doch daran denkt sie erst, wenn es „zu unerträglich“ wird. Für manche im Regierungslager, denen die Öffnung sowieso gegen den Strich geht, ist das die Gelegenheit, endlich ihre Unzufriedenheit über die Strategie des Präsidenten auszutoben. Mit einem Machtwort beendete Sarkozy die Polemik. Mit ihrer Sprache bringe Amara frische Luft in die Politik, ließ er einen Regierungssprecher verkünden: „Das tut gut.“ Hans-Hagen Bremer

0 Kommentare

Neuester Kommentar