PORTRÄT: Fazil Say : "Wir sind in der Minderheit“

Der türkische Pianist Fazil Say sieht sein Land auf dem Weg in den islamischen Gottesstaat. Türkische Nationalisten wollen ihn aus dem Land jagen.

Susanne Güsten

BerlinDie Türkei hatte schon immer ein schwieriges Verhältnis zu ihren besten Künstlern. Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wurde wegen angeblicher „Beleidigung des Türkentums“ von Nationalisten vor Gericht gezerrt, der Dichter Nazim Hikmet wurde in den fünfziger Jahren sogar ausgebürgert. Jetzt sorgt der Pianist Fazil Say für Schlagzeilen, weil er laut darüber nachdenkt, ob er die Türkei verlassen soll.

Say sieht das Land auf dem Weg in den islamischen Gottesstaat. Der 37-Jährige, der in den vergangenen Jahren vom Wunderkind zum internationalen Klassikstar wurde, hat damit die Debatte über angebliche Islamisierungstendenzen unter der Regierung des religiös geprägten Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan neu angefacht.

Nach dem Sieg der Islamisten bei den Parlamentswahlen vom Sommer trügen inzwischen alle Ministergattinnen in Ankara das Kopftuch, hatte Say letzte Woche gesagt. „Wir sind in der Minderheit“, sagte Say über sich selbst und andere Gegner von Erdogans Partei AKP. „Wir sind 30 Prozent, die anderen sind 70 Prozent.“ Seine Träume seien „tot“. Unterstützung erhielt Say von dem Geiger Tuncay Yilmaz. „Irgendeiner musste das einmal sagen“, betonte Yilmaz. Zwar glaube er nicht daran, dass Say wirklich auswandern werde. Der Trend in der Türkei sei aber nicht eben „modernistisch“.

Der Frust illustriert Befürchtungen, die von vielen Türken geteilt werden. Says Aussagen zeigen aber nicht nur Ängste, sondern auch noch etwas anderes: die bittere Erkenntnis, dass die Mehrheit der Türken so ganz anders ist, als es die Kemalisten als traditionelle Elite des Landes bisher wahrhaben wollten. Fast ein halbes Jahr nach dem Wahlsieg der AKP haben die Kemalisten immer noch nicht ihren Schock darüber überwunden, dass die meisten ihrer Landsleute anders denken, leben und wählen als sie selbst. Nicht von ungefähr spricht Fazil Say von „uns“ und „den anderen“ – schon die Wortwahl demonstriert die tiefe Spaltung der Gesellschaft.

Die Regierung weist die Vorwürfe zurück. Kulturminister Ertugrul Günay sagte, für eine Auswanderung gebe es keinen Grund, und kündigte ein Gespräch mit dem Pianisten an. Ob er den Künstler dazu bewegen kann, seine Meinung zu ändern, ist aber unwahrscheinlich, zumal türkische Nationalisten Say am liebsten gleich aus dem Land jagen würden. „Hau ab“, forderte die rechtsnationale Partei BBP den Musiker auf. Die Misstöne werden wohl noch eine Weile nachklingen.

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