PORTRÄT FETHULLAH GÜLEN ISLAMISCHER PREDIGER: : „Das ist Sache der Justiz“

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Er ist 70 Jahre alt und hat die Türkei seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen. Dennoch ist der in den USA lebende islamische Prediger Fethullah Gülen aus Sicht türkischer Regierungsgegner ein finsterer Scharia-Strippenzieher, dessen Anhänger die Institutionen des Staates unterwandern. Die religiös-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan weist die Vorwürfe zwar zurück, verspürt wegen der angeblichen Aktivitäten von Gülen-Anhängern aber wachsenden Druck.

Gülen war in den 70er und 80er Jahren der Lieblings-Moslem der laizistischen Republik. Er predigte einen sanften Islam, wurde von Papst Johannes Paul II. empfangen. Doch dann wurde Gülen den Militärs unheimlich. Angeblich soll der Prediger damals seine Anhänger zum islamistischen Marsch durch die Institutionen gerufen haben, was Gülen bestreitet. 1998 floh er in die USA. In der Türkei wurde er inzwischen vom Vorwurf eines islamistischen Umsturzversuches freigesprochen.

Für die türkischen Säkularisten bleibt Gülen trotzdem ein gefährlicher Fundamentalist. Insbesondere die türkische Polizei soll von den „Gülenciler“ unterwandert sein. Konkrete Beweise fehlen, auch kann niemand so richtig erklären, wie Gülen es schaffen soll, von den USA aus seit Jahren mehrere zehntausend Polizisten fernzusteuern – ohne dass auch nur ein Wort nach außen dringt.

Was es zweifellos gibt, sind Aktionen der Behörden gegen Kritiker Gülens. Der Istanbuler Staatsanwalt Zekeriya Öz ließ im Zuge von Ermittlungen gegen die mutmaßliche Putschistentruppe Ergenekon vor wenigen Wochen den Journalisten Ahmet Sik inhaftieren, dessen Buchprojekt namens „Die Armee des Imams“ sich mit den angeblichen Gülen-Umtrieben bei der Polizei befasste.

Doch selbst wenn hier Gülens Anhänger am Werk waren, sind sie offenbar längst nicht so mächtig, wie ihnen nachgesagt wird. Staatsanwalt Öz wurde gerade mit Zustimmung der Regierung seines Postens enthoben. Kurz vor der Parlamentswahl im Juni befürchtet Erdogan offenbar Verlust an Wählerstimmen. Und das verbotene Buch von Sik wurde inzwischen im Internet ein Hit. Der angeblich so einflussreiche Gülen hat weder die Entlassung von Öz noch die Verbreitung des Gülen-kritischen Buches verhindern können – wenn er es denn überhaupt wollte. Mit den Aktionen gegen Sik habe er nichts zu tun, erklärte Gülen: „Das ist Sache der Justiz.“ Thomas Seibert

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