PORTRÄT FETULLAH GÜLEN ERDOGANS GEGENSPIELER: : „Ich war Diffamierungen ausgesetzt“

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Der Gegner ist weit weg – und doch ganz nah. Über 8500 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der türkischen Hauptstadt Ankara und der Gemeinde Saylorsburg im US-Bundesstaat Pennsylvania. Einer der 1126 Einwohner ist Fetullah Gülen – jener Mann, den der türkische Premier Tayyip Erdogan als treibende Kraft hinter den Korruptionsermittlungen gegen seine Regierung vermutet. Gülen bestreitet das.

Von seinem Landsitz, dem Golden Generation Worship Center, steuert der 72-jährige islamische Kleriker ein globales Netz von hunderten Bildungseinrichtungen, Wohltätigkeitsorganisationen und Medienunternehmen. Um einem Strafverfahren wegen islamistischer Umtriebe zu entgehen, ging Gülen 1999 in die USA. Er lebt zurückgezogen in seinem selbst gewählten Exil, scheut die Öffentlichkeit. Doch mit seinen vor allem übers Internet verbreiteten Predigten ist er überall präsent.

In der Türkei hat Gülen Millionen Anhänger. Sie sitzen in den Vorstandsetagen großer Unternehmen und an wichtigen Schaltstellen des Staates. Vor allem im Polizeiapparat, dem Geheimdienst und der Justiz wird Gülen großer Einfluss nachgesagt. „Die Gülen-Gemeinde kontrolliert Handel und Wirtschaft in der Türkei, hat die politische Szene tief unterwandert“ – so eine Depesche der US- Botschaft in Ankara, die 2010 von Wikileaks veröffentlicht wurde.

Gülen gilt als einer der einflussreichsten islamischen Gelehrten – und er ist einer der kontroversesten. Seine Anhänger sehen in ihm einen „Gandhi des Islam“, der Verständigung und Toleranz predigt, islamische Frömmigkeit mit der westlichen Moderne versöhnt. „Time“ nennt Gülen „den mächtigsten Befürworter der Mäßigung in der islamischen Welt“. Kritiker sehen in ihm einen zweiten Khomeini und vergleichen die Gülen- Gemeinde mit einer Sekte wie Scientology, Aussteiger berichten von konspirativen Strukturen.

Gülen unterstützte Erdogan anfangs. Doch je autoritärer der Premier regierte, desto mehr ging Gülen auf Distanz. Aus Verbündeten wurden erbitterte Feinde. Als der Premier kürzlich die Schließung der zum Großteil von Gülen kontrollierten privaten Nachhilfeschulen ankündigte, eskalierte der Konflikt. Gülens Revanche seien die Korruptionsenthüllungen, sagen politische Beobachter. Jetzt schlägt Erdogan zurück, lässt den Polizeiapparat von Gülen-Gefolgsleuten säubern. Wer den Machtkampf am Ende gewinnt, bleibt offen. Gerd Höhler

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