PORTRÄT FREDERIC MITTERRAND, FRANKREICHS KULTURMINISTER : "Halb erlebt, halb geträumt"

Der Neffe des ehemaligen französischen Präsidenten muss sich gegen seine Vergangenheit als Sextourist wehren. Er tut das gern.

Hans-Hagen Bremer
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Foto: dpa

Ein Bestseller wird zum Bumerang. Frédéric Mitterrand hat ihn geschrieben. In „La Mauvaise Vie“ („Das schlechte Leben“), einem vor vier Jahren erschienenen Werk, schilderte er seine Jugend, seine sentimentalen Enttäuschungen und die Verletzungen, die er aufgrund seiner Homosexualität in seinem von Melancholie geprägten Leben erlitt. Von der „halb erlebten, halb geträumten“ Autobiografie war die Kritik damals angetan. 190 000 Exemplare gingen über den Ladentisch. Eine Übersetzung ins Englische ist in Vorbereitung. Doch der 62-jährige Neffe des früheren französischen Präsidenten François Mitterrand ist nicht mehr nur der erfolgreiche Fernsehjournalist, Filmemacher und Buchautor, er bekleidet seit kurzem auch in der Regierung einen Posten, auf dem er für das kulturelle Ansehen Frankreichs wirken soll. Und da fliegt ihm jetzt ein Kapitel aus seinem Buch um die Ohren, in dem er von seinen Erfahrungen als Sextourist in Asien und seiner Neigung zu käuflichen Jünglingen erzählt.

Die Bekenntnisse waren vor vier Jahren nicht weiter wichtig genommen worden. Er hätte gelogen, wenn er sie unterdrückt hätte, sagte der Autor damals. Möglicherweise wäre es dabei geblieben, hätte Mitterrand jetzt nicht die Phalanx französischer Kulturschaffender angeführt, die gegen die „absolut verabscheuungswürdige“ Festnahme in der Schweiz des von der US-Justiz wegen eines Sexualdelikts an einer Minderjährigen mit Haftbefehl gesuchten Regisseurs Roman Polanski protestiert. Marine Le Pen, die Tochter und voraussichtliche Nachfolgerin des Chefs der rechtsextremistischen Nationalen Front, Jean-Marie Le Pen, war es dann, die in einer TV-Debatte, in der es um den Fall eines rückfällig gewordenen Sexualverbrechers ging, einschlägige Passagen aus Mitterrands Buch vorlas.

Die öffentliche Polemik war damit losgetreten: Frankreich kämpft gegen den Sextourismus und leistet sich einen Minister, der ihn praktiziert, empörte sich ein Sprecher der Sozialisten. Mitterrand reagierte mit Verachtung. „Wenn mich die extreme Rechte in den Schmutz zieht, ehrt mich das“, sagte er. „Wenn es die Linke tut, ist es eine Schande für sie.“ Im Elysee-Palast genießt Mitterrand Schutz gegen die „unwürdigen Angriffe“. Doch der Unmut im Regierungslager ist unüberhörbar. „Auch wenn man berühmt ist, muss man die Gesetze achten“, gab eine Abgeordnete die Stimmung wieder. Hans-Hagen Bremer

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