PORTRÄT : Gao Zhisheng: „Es tut mir extrem leid“

Der Bürgerrechtler Gao Zhisheng wurde früher von den Kommunisten in China als Spitzenanwalt gepriesen. Dann fiel er in Ungnade. Nachdem er ein Jahr verschollen war, ist er jetzt wieder aufgetaucht.

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Es sind ungewöhnliche Lebensläufe, die der Einparteienstaat China manchmal hervorbringt. Biografien wie die des Juristen Gao Zhisheng. Einst wurde er offiziell als Spitzenanwalt gepriesen, lange war er Mitglied der Kommunistischen Partei (KPCh), und dennoch geriet er in Konflikt mit der Führung in Peking. Als Anwalt stößt man in China schnell an seine Grenzen. Denn Chinas Gesetze haben nur so lange Geltung, wie sie mit dem Herrschaftsanspruch der KPCh nicht kollidieren. Gao Zhisheng hatte sich für die Rechte der chinesischen Bürger entschieden. Er verteidigte Bauern gegen korrupte Beamte, forderte Verfassungsreformen und setzte sich für Mitglieder der verbotenen Falun-Gong-Bewegung ein.

Im August 2006 wurde Gao Zhisheng festgenommen und wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ zu drei Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde jedoch ausgesetzt, er wurde unter Hausarrest gestellt. Im Februar 2009 wurde der Bürgerrechtler dann von chinesischen Sicherheitskräften verschleppt, nachdem seine Frau und seine beiden Kinder wegen ständiger Belästigung durch Sicherheitsbeamte in die USA geflüchtet waren. Seitdem galt der Anwalt als verschollen. Menschenrechtsgruppen und Familienmitglieder hatten sogar befürchtet, dass er in Haft ums Leben gekommen sei.

Erst im März dieses Jahres hatte es ein erstes Lebenszeichen von Gao Zhisheng gegeben, der sich aus der nördlichen Provinz Shanxi meldete. Am Telefon erklärte er, dass er in Shanxi lebe, nachdem er sechs Monate vorher wieder auf freien Fuß gesetzt worden sei. Einer seiner Freunde zweifelte an, dass Gao frei reden konnte. Nun, mehr als ein Jahr nach seinem Verschwinden, ist er nach Peking zurückgekehrt. Sein Gesundheitszustand sei gut, doch habe der 44-Jährige offensichtlich „viel Leid“ durchgemacht, sagte der befreundete Anwalt Li Heping am Donnerstag nach einem Treffen mit ihm. „Er hat auf jeden Fall unter großem Druck gestanden.“

Als Anwalt könne Gao Zhisheng in Peking jetzt auch nicht mehr arbeiten, weil ihm die Lizenz entzogen worden sei. Gao selbst erklärte, er habe nicht die Kraft, weiter durchzuhalten. Er äußerte die Hoffnung, dass man ihm erlauben werde seine Familie wiederzusehen. Dafür scheint Gao offenbar gewillt, seine Berufung als Bürgerrechtler aufzugeben. Er bat jene um Verständnis, die ihn in der Vergangenheit unterstützt haben. „Alle werden enttäuscht sein. Ich entschuldige mich bei ihnen. Es tut mir extrem leid“, so Gao. Peer Junker

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