PORTRÄT GENERAL WOJCIECH JARUZELSKI EX-PRÄSIDENT POLENS: „Ich war : kein Karrierist“

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Ein peinlich genaues Tagesprogramm, kein Schluck Alkohol und morgens immer ein Brötchen mit Orangenmarmelade. So verbringt Wojciech Jaruzelski laut Auskünften Eingeweihter seinen Lebensabend in einer Warschauer Villa. Seit der General mit der schwarzen Sonnenbrille an Schilddrüsenkrebs erkrankt ist, meidet er Zusammenkünfte in der Stadt. Zu seinem 90. Geburtstag aber will er an diesem Samstag eine Ausnahme machen. Der postkommunistische Ex-Präsident Aleksander Kwasniewski hat ihm zu Ehren in einem Luxushotel gegenüber der einst sowjetischen und heute russischen Botschaft eine Feier organisiert.

Ein befreundeter Professor hat gar ein Buch zu diesem Anlass geschrieben. Wieder einmal geht es darin um Jaruzelskis Verdienste für Polen bei der Ausrufung des Kriegsrechtes. Damit will der General eine angeblich geplante sowjetische Invasion abgewehrt haben. Dass sich diese These auch in den Moskauer KGB-Archive nicht bestätigen lässt, stört den Jubilar wenig. Denn die meisten Polen glauben inzwischen an seine Version des „geringeren Übels“.

Zuerst rehabilitierte ihn Lech Walesa und kurz vor seinem Flugzeugabsturz in Smolensk gar Lech Kaczynski. Letzterer wollte vor drei Jahren mit Jaruzelski laut Nachrichtenmagazin „Wprost“ gemeinsam zu den Moskauer Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkriegs reisen. Dabei hatten ausgerechnet die größten Feinde der Kaczynski-Zwillinge den Ende 1990 als Übergangsstaatspräsident abgewählten General wieder aus der politischen Mottenkiste gezerrt. Walesa habe ihn im August 1991 nach dem Janajew-Putsch aufgeregt angerufen und um Vermittlung in Moskau gebeten, behaupten heute Jaruzelskis Freunde. Walesa dementiert, doch versteht er sich seit Jahren bestens mit Jaruzelski. 1993 zog auch Adam Michnik nach und führte die einstige Hassfigur der Dissidenten in die Warschauer Intellektuellenzirkel ein.

Jaruzelski, der Offizierssohn aus reicher Adelsfamilie, wuchs teils in Sibirien auf, wohin seine Eltern nach 1939 von den Sowjets verschleppt worden waren. In einem persönlichen Gespräch erzählte er einmal, weshalb ihn die Parolen Stalins dennoch begeistert hätten. Es ging Jaruzelski demnach um soziale Gerechtigkeit und andere hehre kommunistische Ideale. „Ich war kein Karrierist“, sagte er. „Ich würde heute viel besser leben, hätte ein großes Landgut und vor allem meine Ruhe.“ Paul Flückiger, Warschau

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