PORTRÄT GERD SONNLEITNER, BAUERN-PRÄSIDENT : "Man baut mich als Sündenbock auf"

So wie Manager am frühen Morgen dem Aktienkurs entgegenfiebern, dürfte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner den Milchpreis beobachten: Je niedriger der Preis, desto größer die Unruhe auf den Höfen – und desto schwieriger sein Job.

Maren Peters
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Foto: dpa

So wie Manager am frühen Morgen dem Aktienkurs entgegenfiebern, dürfte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner den Milchpreis beobachten: Je niedriger der Preis, desto größer die Unruhe auf den Höfen – und desto schwieriger sein Job. Und weil der Milchpreis in den vergangenen Monaten dramatisch abgestürzt ist, hat Sonnleitner es zurzeit so schwer wie nie in seiner zwölfjährigen Amtszeit. Mit einer Schlepperdemo will der knarzige Bayer jetzt Boden gutmachen. Mehr als 5000 Landwirte werden am Montag in Berlin erwartet.

Viele Milchbauern geben Sonnleitner eine Mitschuld an der Krise. Als Chef des Bauernverbandes hatte der 61-Jährige die schrittweise Aufhebung der europaweiten Produktionsbeschränkung für Milch unterstützt, gegen die er als bayerischer Bauernpräsident 2007 Widerspruch anmeldete. „Verräter“ schmierten Unbekannte vergangene Woche an die Straßen seines niederbayerischen Heimatortes Ruhstorf bei Passau, wo der Familienhof steht. Das hat gesessen.

Vielen Bauern ist auch nicht entgangen, dass es vor allem der viel kleinere Bund Deutscher Milchviehhalter war, der die Milch-Proteste organisiert hat. Der gelernte Landwirt Sonnleitner lehnte das am Anfang sogar ab, weil „Streik nicht das passende Mittel für einen Unternehmer“ sei. Erst später vollzog er die Kehrtwende. Das haben ihm viele nicht verziehen.

Sonnleitner fühlt sich missverstanden. „Man baut mich als Sündenbock auf“, klagt der Lobbyist. Er reicht die Schuld an die Politik weiter, fordert ein Konjunkturprogramm und droht bei Nichterfüllung mit einer Quittung bei den anstehenden Wahlen. Das hat noch nie seine Wirkung verfehlt. Vor allem die Union weiß, wie entscheidend die Stimme der Bauern sein kann. Kanzlerin Merkel hat bereits staatliche Hilfen in Aussicht gestellt. Das könnte Sonnleitners Quote bei den Bauern wieder verbessern.

Dass er einen schweren Job hat, wissen auch seine Kritiker, denen er mit ständigen Forderungen bisweilen auf die Nerven geht. Sonnleitner vertritt die Interessen von 380 000 Bauern. Einige haben große Höfe und können sich am Markt behaupten, andere sind klein und abhängig von Subventionen, einige produzieren konventionell, andere ökologisch. Dass er am Ende allen gerecht werden muss und zudem agrarpolitische Grundsatzentscheidungen inzwischen in Brüssel gefällt werden, zwingt ihn zum Dauerspagat – und gelegentlichen Widersprüchen. Maren Peters

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