• Porträt Gesine Schwan Präsidentschaftskandidatin: „Ein Maß Skepsis tut uns allen gut“

Porträt Gesine Schwan Präsidentschaftskandidatin : „Ein Maß Skepsis tut uns allen gut“

Wenn Gesine Schwan im Mai gegen Horst Köhler antritt, braucht sie in der Bundesversammlung neben einigen bürgerlichen Stimmen möglichst auch die aller Volksvertreter von SPD, Grünen und Linkspartei. Doch die Linkspartei hat ein Hessen-Trauma und wettert gegen alles sozialdemokratische.

Hans Monath

Die Standhaftigkeit von Dagmar Metzger und der späte Mut der drei anderen SPD-Abweichler in Hessen haben nicht nur die Machtphantasien von Andrea Ypsilanti zerplatzen lassen. Sondern das Scheitern der rot-rot-grünen Regierung in Hessen berührt auch die Karrierepläne einer anderen streitbaren Sozialdemokratin: Wenn Gesine Schwan im Mai gegen Horst Köhler antritt, braucht sie in der Bundesversammlung neben einigen bürgerlichen Stimmen möglichst auch die aller Volksvertreter von SPD, Grünen und Linkspartei.

Nun hat die Linkspartei mit Peter Sodann einen eigenen Kandidaten aufgestellt, der sich zur Verblüffung seiner Unterstützer gern in Politikverachtung übt. Und mit dem Debakel in Wiesbaden scheinen Schwans Chancen noch weiter geschrumpft. Die Linkspartei ist dermaßen sauer über den vermeintlichen Verrat in Hessen, dass sie kein gutes Haar mehr an der Sozialdemokratie lässt.

Dazu hat die Finanzkrise die gewünschte geistige Debatte mit dem Konkurrenten in Schloss Bellevue neu sortiert. Horst Köhler, mit dessen Namen sich bislang neben dem Einsatz für Afrika und internationale Entwicklungschancen kaum ein eigenes Thema verband, erlebt als Finanzfachmann gerade eine Sternstunde. Schwans eigene Thesen von der Bedeutung des Vertrauens in der Gesellschaft erweisen sich zwar als weitsichtig, sind aber seit den Krisentagen zu einer Art Allgemeingut ohne gedanklichen Mehrwert geworden.

Doch Gesine Schwan wäre nicht Gesine Schwan, wenn sie in dieser Situation nicht erst recht versuchen würde, die gedankliche Alternative für das höchste Staatsamt deutlich zu machen. Ein „modernes deutsches Selbstverständnis“ unter Einschluss der Zuwanderer in Deutschland hat sie nun in einem Vortrag in München gefordert, der wohl nicht von ungefähr an Johannes Rau erinnerte. Aufgabe eines Bundespräsidenten sei es, innere Brücken zu bauen für die „Einheit in Vielfalt durch gegenseitige Anerkennung“, mahnte sie.

Zum Jahrestag von Pogromnacht und Mauerfall pries die Kandidatin auch die Bedeutung einer lebendigen Zivilgesellschaft: „Ein Maß Skepsis gegenüber staatlichen Regeln tut uns allen gut.“ Dass sie selbst angesichts der jüngsten Entwicklung ein Maß Skepsis hinsichtlich des hohen eigenen Ziels verspürt, lässt sie nicht erkennen. Gesine Schwan kämpft tapfer weiter mit dem einzigen Machtmittel, das ihr zur Verfügung steht: dem Wort.Hans Monath

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