Porträt Gesine Schwan, Viadrina-Präsidentin : „Das ist nicht meine Entscheidung“

Es geht um das Amt des Bundespräsidenten, und wieder ist Gesine Schwan im Gespräch. Man könnte ihr erneut die Kandidatur antragen. Ohne Stimmen der Linken würde sie nicht gewählt. Das schreckt sie kaum.

Gerd Appenzeller

Nicht wegzuschauen, sich einzumischen, das ist ihr schon im Frohnauer Elternhaus in die Wiege gelegt worden. Vater und Mutter von Gesine Schneider, die am 22. Mai 1943 geboren wurde, waren sozial engagiert. Sie gehörten im „Dritten Reich“ protestantisch und sozialistisch orientierten Widerstandskreisen an, hatten noch im letzten Kriegsjahr ein jüdisches Mädchen versteckt und setzten sich später für die Freundschaft mit Polen ein.

Tochter Gesine studierte an der FU, in Freiburg, Warschau und Krakau Philosophie, Politik, Geschichte und Romanistik. Die akademische Karriere an der Freien Universität begann sie 1971 am Otto-Suhr-Institut als Assistenzprofessorin. Zwei Jahre zuvor hatte sie den Politikwissenschaftler Alexander Schwan geheiratet, der die SPD-Grundwertekommission zeitweise beriet, aber schon 1978 aus der SPD austrat.

Vermutlich wurde die politische Sozialisation der Gesine Schwan in der Sozialdemokratie – Mitglied ist sie seit 1972 – dadurch noch beschleunigt. 1977 ist sie Professorin mit dem Schwerpunkt Politische Theorie und Philosophie, im gleichen Jahr aber auch in der Grundwertekommission der Partei bei der Ausarbeitung von Grundsatzpapieren engagiert. Sie gilt als Vertreterin des rechten Parteiflügels. Nach dem Nato-Doppelbeschluss gerät sie an der Seite von Bundeskanzler Helmut Schmidt in eine Minderheitenposition.

An der FU scheitert sie 1999 mit einer mutigen, aber aussichtslosen Kandidatur zum Amt des Präsidenten, nur um sich kurz darauf an der Europa-Universität Viadrina in die gleiche Position wählen zu lassen. Auch Schwans unermüdlichem Engagement verdankt diese Hochschule auf der Grenze zwischen zwei Völkern wachsendes Ansehen. In der Politik bleibt sie, tritt 2004 gegen Horst Köhler als Kandidatin um das Amt des Bundespräsidenten an. Sie unterliegt, gewinnt aber Stimmen aus dem Lager von CDU und FDP.

Jetzt könnte man ihr erneut die Kandidatur antragen. Ohne Stimmen der Linken würde sie nicht gewählt. Das schreckte sie kaum. 1984 wurde sie wegen ihres konsequenten Kampfes gegen das als Anbiederei empfundene Verhalten der SPD gegenüber Osteuropas Kommunisten aus der Grundwertekommission geworfen. Da muss sie den Vorwurf mangelnder Prinzipientreue nun nicht fürchten.

Ihr Mann starb 1989 an Krebs. Seit 2004 ist sie mit Transparency-Gründer Peter Eigen verheiratet.

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