• PORTRÄT HAMAD BIN CHALIFA AL THANI EMIR VON QATAR:: "Wir werden nie wieder auf Kamele steigen"

PORTRÄT HAMAD BIN CHALIFA AL THANI EMIR VON QATAR: : "Wir werden nie wieder auf Kamele steigen"

Seit Scheich Hamad bin Chalifa al Thani in Qatar regiert, herrscht eine neue Familientradition: Morgens zur Arbeit kommen, sich kümmern und was tun zum Wohle des Landes. Steigt das Emirat jetzt auch beim deutschen Automobilhersteller VW ein?

Martin Gehlen
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Foto: dpa

Das Land ist winzig, eine Million Einwohner leben hier, vier Fünftel davon sind Ausländer. Bis Mitte der neunziger Jahre war die Halbinsel Qatar ein verschlafener Landstrich. Seine Hauptstadt Doha musste sich gefallen lassen, als der langweiligste Flecken der Region verspottet zu werden. Und der damalige Emir Chalifa bin Hamad al Thani dachte nicht daran, in seiner Heimat zu investieren. Er ließ es sich lieber monatelang an der Côte d’Azur oder in der Schweiz gut gehen, bis ein unblutiger Putsch seines Sohnes diesem verschwenderischen Leben ein Ende setzte. Seitdem hat der heute 59-jährige Scheich Hamad bin Chalifa al Thani, der drei Frauen hat und 18 Kinder, das Ruder in der Hand. Und fortan galt eine neue Familientradition – morgens zur Arbeit kommen, sich kümmern und was tun zum Wohle des Landes. Steigt das Emirat jetzt auch beim deutschen Automobilhersteller VW ein?

Qatar verfügt nach Russland und Iran über das drittgrößte Erdgasvorkommen der Welt, seine Einwohner stehen nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds in der Statistik der Reichen auf Platz eins. Mehr als 120 Milliarden Dollar investierte das Emirat im letzten Jahrzehnt in den Ausbau der Gasförderung und Gasverflüssigung. „Wenn eines Tages Öl und Gas erschöpft sind, werden wir nicht wieder zurück auf unsere Kamele steigen“, scherzte der Staatschef jüngst bei einem Besuch in den Vereinigten Staaten. Aus diesem Grund ist sein Land stets auf der Suche nach lukrativen Industriebeteiligungen – angesehene Marken, Zukunftstechnik und Umwelt-Knowhow. Ein Einstieg bei VW würde das Bild komplettieren. Außerdem steckt die Herrscherfamilie enorme Summen in die Bildung. An Finanzmitteln mangelt es nicht. Das Vermögen der erst 2005 gegründeten Qatar Investment Authority (QIA), die die Einnahmen aus den kostbaren Bodenschätzen verwaltet, wird auf 50 Milliarden Dollar geschätzt.

In der Außenpolitik brach das Land mit vielen arabischen Tabus. Heute pflegt der Emir gute Beziehungen zu Iran und zu Israel. Seit 1998 beherbergt der Wüstenstaat das Hauptquartier der US-Truppen im Nahen Osten. Die Hauptstadt Doha stieg zum internationalen politischen Gastgeber auf, nicht nur für die Welthandelsrunde, auch für die arabische Liga, den Golf-Kooperationsrat und die Opec. Auch in der Innenpolitik weht ein frischer Wind. 1999 beschloss Qatar als erster arabischer Golfstaat das aktive und passive kommunale Wahlrecht für Frauen. Die 2003 per Volksabstimmung in Kraft gesetzte Verfassung schuf ein 45-köpfiges Parlament und führte das allgemeine Wahlrecht ein, auch wenn der Emir weiterhin der starke Mann im Land bleibt.

Treibende Kraft bei dem Ausbau des Bildungswesens ist die Lieblingsfrau des Emirs, Sheikha Mozah bint Nasser al Missned. Hochgezogen von internationalen Stararchitekten bieten sechs amerikanische Universitäten aus der oberen Liga auf dem 800-Hektar-Campus nahe Doha ihre Programme an: „Carnegie Mellon“ bildet Computerexperten aus, das „Weill Cornell Medical College“ Ärzte, das „Texas A & M College“ Ingenieure und die Washingtoner Georgetown University Diplomaten. Auch wenn die Zahl der Studenten noch klein ist: Alle europäischen Besucher kommen angesichts der Ausstattung ins Schwärmen. Die Hörsäle sind in edlem Design, die Stühle haben Armlehnen, die Tische Mikrofone, Live-Vorlesungen aus den USA über Monitore sind kein Problem. Martin Gehlen

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