PORTRÄT : Hamid Karsai: "Wir haben unsere Lektion gelernt"

Viel zu lange hat der Westen den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai als Hoffnungsträger hofiert. Man hätte es besser wissen können.

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Hamid Karsai -Foto: dpa

Die „Afghanisierung“ der Afghanistanhilfe haben die Vertreter der internationalen Staatengemeinschaft bei ihrer Konferenz in London beschworen. Hamid Karsai, der afghanische Präsident, hat diesen Wandel für sich selbst längst vollzogen. Dass er einige Jahre im amerikanischen Exil verbracht hat, ist dem 52-Jährigen kaum noch anzumerken. Sein Englisch ist nur schwer verständlich, seine Politik aus westlicher Sicht auch. Einst von den USA auf die Bühne geschoben, als er die Teilnehmer der Friedenskonferenz auf dem Bonner Petersberg Ende 2001 per Videoübertragung zur Versöhnung aufrief und anschließend regiegetreu per Akklamation zum Übergangspräsidenten bestimmt wurde, geht Karsai heute eigene Wege. Massive Wahlfälschungen und Bündnisse mit Kriegsverbrechern sind ebenso Teil seines persönlichen Afghanisierungsprozesses wie wohldosierte Spitzen gegen seine einstigen Förderer.

In London kritisierte er die internationale Hilfe als „ineffektiv“ und verlangte von den Gebern mehr Transparenz bei der Vergabe der Mittel. Er empfahl gar, das Geld direkt an die afghanischen Behörden zu zahlen, da diese es besser verwalten könnten. Für einen Staatschef, dessen Regierung als korrupt und unfähig gilt, eine vermessene Aussage. Ohne auch nur einen Anflug von Scham zu zeigen, versprach Karsai auch freie und faire Parlamentswahlen. „Wir haben unsere Lektion aus der Präsidentschaftswahl gelernt“, fügte er hinzu. Ein „Ich“ wäre hier wohl angebrachter gewesen.

Und nachdem er seit Tagen und Wochen ganz im Sinne der ausländischen Truppensteller erklärt hatte, Mitte des Jahrzehnts könnten die afghanischen Sicherheitskräfte selbst für die Sicherheit im Land sorgen, machte Karsai am Rande der Konferenz in einem Interview mit der BBC plötzlich eine ganz neue Rechnung auf: Zehn bis 15 Jahre würden die ausländischen Truppen sicher noch in Afghanistan gebraucht, gab er an.

Viel zu lange hat der Westen Karsai als Hoffnungsträger hofiert. Man hätte es besser wissen können. Denn als Sohn eines einflussreichen Adelsgeschlechts ist der Paschtune tief in der Stammesgesellschaft mit ihrem Klientel- und Patronagesystem verwurzelt. Und inzwischen gibt er sich keine Mühe mehr, dies zu verschleiern. Allen in London Beteiligten dürfte klar sein, dass es schwierig wird, die Zielmarken für den Abzug der ausländischen Truppen mit diesem Partner umzusetzen. Allein: Es gibt keine Alternative. Ulrike Scheffer

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