PORTRÄT HANS-GEORG NEUMANN STRAFGEFANGENER: : „Im Knast hatte ich meine beste Zeit“

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Es wird Zeit für Hans-Georg Neumann, er will endlich raus. Niemand in der Bundesrepublik sitzt so lange im Gefängnis wie er. Als Mittzwanziger fuhr er ein, heute ist er 77. Ein Mörder aus Berlin, untergebracht seit den 90er Jahren in der JVA Bruchsal bei Karlsruhe. In Freiheit sterben, mehr möchte er nicht. An diesem Mittwoch verhandelt das zuständige Oberlandesgericht. Nur ein weiterer von vielen Versuchen. Keiner hat Vertrauen in Neumann. Nicht mal Gnade gibt es für ihn.

Dass eine Verurteilung zu lebenslanger Haft in der Bundesrepublik nur 15 Jahre bedeutet, ist ein populärer Irrtum. Laut Gesetz ist die Strafe dann zwar zur Bewährung auszusetzen. Aber nur, wenn der Verurteilte als ungefährlich gilt. Daran zweifeln Gutachter und Richter bei Neumann. Vielleicht sind es falsche Zweifel, wie bei Gustl Mollath, dem Ex-Psychiatriehäftling. Doch sie halten ihn fest, viel länger als andere. Im Schnitt dauert lebenslänglich sonst rund 20 Jahre.

Seine Tat. Er redet ungern darüber. Bringt ja nix, alles wieder aufzurühren, meint er. Neumann lief damals mit einer Pistole herum. Anfang 1962 entführte er ein Liebespaar in dessen Auto. Ein Handgemenge, dann ein Blutbad. Neumann schildert es als eine Art Pech, als Zufall. Etwas, für das er eigentlich nichts kann. Verbohrt, störrisch, reuelos könnte man das nennen. Doch so reden viele im Knast. Echte Reue ist selten.

Trotzdem, es muss einmal gut sein mit Strafe. Es wäre ein Verstoß gegen die Menschenwürde, wenn das Urteil zu lebenslanger Haft zwingend den Tod im Knast bedeuten würde. Ohne die Chance, sie wiederzuerlangen, darf Freiheit nicht entzogen werden. So hat es das Bundesverfassungsgericht einmal entschieden. Ein Recht auf ein Lebensende in Freiheit folgt daraus jedoch nicht. Sterben im Gefängnis ist mit dem Grundgesetz vereinbar.

Neumanns Leben draußen war eine Vor-Knast-Karriere, wie es sie häufiger gibt. Weggegeben von der Mutter, Waisenhaus, ungeliebt aufgewachsen bei Pflegeeltern. Kein Halt, keine Ziele. In der Jugend kriminell, später Banküberfälle. So gut wie im Knast sei es ihm nie ergangen, sagt er. Ein Leben mit Regeln, aber ohne Bindung. Er hat sich daran gewöhnt. Einzige Flucht ist das Haschischrauchen. Vielleicht teilt er nun das Schicksal Heinrich Pommerenkes. Der Vierfachmörder war vor Neumann Knast-Rekordhalter, auch in Bruchsal. Er starb 2008 in Haft. Neumann trägt seine Jacke. Sie mochten sich. Jost Müller-Neuhof

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