• PORTRÄT HENRY LOUIS GATES US-LITERATURPROFESSOR:: „Schwarze und Polizei: Es klingt wie im Krieg“

PORTRÄT HENRY LOUIS GATES US-LITERATURPROFESSOR: : „Schwarze und Polizei: Es klingt wie im Krieg“

Christoph von Marschall

Er ist einer der angesehensten schwarzen Professoren für Literaturkritik der USA. Henry Louis Gates weiß, welche Bedeutung die Erfahrungen mit weißer Polizei für Afroamerikaner haben, im Roman wie im wahren Leben. 1995 schrieb er im „New Yorker“: „Schwarze, besonders schwarze Männer, tauschen ihre Erfahrungen mit der Polizei untereinander aus wie andere Menschen ihre Kriegsgeschichten.“

Nun ist der 58-Jährige selbst zur zentralen Figur einer solchen Story geworden. Und Amerika fragt sich, warum auch seine Begegnung mit einem weißen Polizisten eskalierte, trotz seines Wissens um das Konfliktpotenzial. Auch sein Kontrahent, der hellhäutige Sergeant Jim Crowley, der Gates schließlich festnahm und zur Wache brachte, ist kein Anfänger. Er weiß um die Emotionen, die sich an „racial profiling“ entzünden: den Verdachtsmomenten, die sich allein an der Hautfarbe festmachen. Er unterrichtet Polizeischüler, wie man den Anschein rassistischer Polizeiarbeit vermeidet. Konnten sie beide – und konnte vor allem Gates, der nach bisherigen Berichten ausfallend wurde – nicht aus ihrer Haut heraus?

Am 16. Juli kam Gates von einer Reise zurück. Die Haustür klemmte. Er und sein schwarzer Taxifahrer warfen sich mit Wucht dagegen. Ein Augenzeuge rief die Polizei, er hielt es für einen Einbruchsversuch von zwei schwarzen Männern in einer besseren Gegend, in der vorwiegend Weiße wohnen. Der Irrtum ließ sich durch Ausweiskontrolle leicht klären, als Polizist Crowley erschien. Gates hatte sich zu seinem eigenen Haus Zutritt verschafft. Doch ihn empörte die ganze Situation. Warum musste er sich überhaupt in seinen eigenen vier Wänden legitimieren? Für ihn war es ein neuer Fall von „racial profiling“. Crowley sah es anders: Er hatte korrekt gehandelt. Und nun überschritt, was er sich anhören musste, die Grenze des Hinnehmbaren.

Dann mischte sich Präsident Obama ein und nannte die Polizeiaktion „töricht“. Die Parteinahme wurde kritisiert, erstens, weil er den Ablauf nicht im Detail kannte, und zweitens, weil er mit Gates befreundet ist. Deshalb hätte er sich zurückhalten müssen, heißt es in den USA. Inzwischen nennt auch Obama die Parteinahme einen Fehler. Er hat beide zur Versöhnung ins Weiße Haus eingeladen. Sie wollen auch kommen, beharren aber auf ihrer Sicht. Crowley sieht sich im Recht, Gates will eine Beschwerde gegen die Polizei einreichen.Christoph von Marschall

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