Porträt Henry M. Paulson, Finanzminister der USA : "Kein Steuergeld für Lehman"

Amerika erlebt eine stille Revolution: Die Regierung betätigt sich als Investmentbanker. Sie sortiert aus, welche Finanzdienstleister unrettbar, überlebensfähig oder unverzichtbar sind. Deutsche sind Staatsinterventionismus gewohnt, doch für die USA ist es die Abkehr von der reinen Lehre.

Christoph von Marschall

Die Investmentbank Lehman Brothers wird kühlen Herzens in den Bankrott geschickt, für Merrill Lynch die Fusion mit Bank of America arrangiert, den Versicherungsriesen AIG übernimmt der Staat selbst.

Deutsche sind Staatsinterventionismus gewohnt, wenn ganze Branchen taumeln. Für die USA ist es eine Abkehr von der reinen Lehre – umso mehr, wenn die Republikaner regieren, die sonst die Selbstheilungskräfte des Markts betonen. Die Schlüsselfigur bei den dramatischen Entscheidungen: Henry „Hank“ Paulson, seit gut zwei Jahren US-Finanzminister. Zuvor war er acht Jahre lang Boss von Goldman Sachs, der einzigen großen Investmentbank der USA, die nicht auf existenzgefährdende Weise in das Geschäft mit fragwürdigen Immobilienkrediten verwickelt ist.

Präsident Bush kann von Glück sagen, dass Paulson seinem Werben nach monatelangem Zögern 2006 nachgab – obwohl sie so vieles trennt. Paulson ist ein „grüner“ Manager, hat Goldman Sachs Umweltrichtlinien für die Geschäftspolitik vorgegeben und Millionen aus seinem Privatvermögen an Naturschutzverbände gespendet sowie Biotope aufgekauft, um sie vor wirtschaftlicher Nutzung zu schützen. Auch hinter Bushs langsamer Öffnung für den Klimaschutz sehen viele Paulsons Einfluss.

32 Jahre, mehr als die Hälfte seines Lebens, hat der 62-Jährige für Goldman Sachs gearbeitet. An der Wall Street ist er besser vernetzt als Notenbankchef Ben Bernanke. In der tiefen Wirtschafts- und Vertrauenskrise nützt seine Erfahrung in der Bewertung von Unternehmen und Konjunkturen nun der ganzen Nation. Der Erfolg hängt vom Mix aus Prinzipientreue, Pragmatismus und Psychologie ab. Nachdem der Staat im Frühjahr 180 Milliarden Dollar Konjunkturstütze gegeben, den Bankrott der Investmentbank Bear Stearns durch 29 Milliarden Dollar Übernahmehilfe für den Kauf durch J. P. Morgan Chase abgewendet und die Immobilienriesen Fannie Mae und Freddie Mac vor dem Aus bewahrt hatte, war aus Paulsons Sicht dieses Signal nötig: Die Regierung kann nicht alle retten. Am Wochenende zog er in New York die Fäden – kein Steuergeld für Lehman. Da wusste er schon, dass er Tags drauf AIG von Staats wegen übernehmen musste.


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