Porträt : Holczer: „Ich passe nicht in dieses System“

Der Gerolsteiner-Teamchefs Hans-Michael Holczer will sich nach den Dopingvorfällen in seinem Team aus dem Radsport zurückziehen.

Mathias Klappenbach

Beinahe hätte Hans-Michael Holczer schon 1992 als Radsportmanager aufgehört, als er mit seiner Amateurmannschaft RSV Öschelbronn fast aus der Bundesliga abgestiegen wäre. Doch das radsportverrückte Dorf Öschelbronn blieb drin, und so hat es noch 16 Jahre, eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte und einen aussichtslosen Kampf lang gedauert, bis der ebenfalls radsportverrückte Holczer sagt: „Ich kapituliere vor der kriminellen Energie. Ich passe nicht in dieses System.“ Innerhalb einer Woche war bekannt geworden, dass seine beiden Erfolgsfahrer Schumacher und Kohl positiv auf Doping getestet worden sind. Das hört sich nach einem dramatischen Abgang an, er ist aber nur etwas vorverlegt. Denn am Wochenende geht die Saison zu Ende, und für die nächste hatte Holczer nach dem Rückzug seines Teamsponsors Gerolsteiner in einjähriger Suche keinen neuen gefunden.

Dabei hat sich der 54-Jährige sehr im Kampf gegen Doping exponiert – hierin sah er zumindest in Deutschland die einzige Chance, wirtschaftlich zu überleben. Als einer der ganz wenigen Macher der Branche war er früher selbst kein Profi, seine eigenen Versuche endeten schnell. Er blieb aber dabei, wurde Hallensprecher beim Stuttgarter Sechstagerennen und Nationaltrainer von Malaysia, weil er so leichter Akkreditierungen für Großereignisse bekam. Dieses Problem hatte er bald nicht mehr. 1999 ließ sich der Realschullehrer für Geschichte und Mathematik beurlauben, weil er Chef des Teams Gerolsteiner wurde. Gemeinsam mit seiner Frau Renate machte er aus der zweitklassigen Mannschaft im Laufe der Jahre einen ernsthaften Konkurrenten für das national alles beherrschende Team der Telekom.

Die Lücke nach deren Rückzug hätte Holczer zu gerne geschlossen, er war einer der Wortführer, die einen neuen Radsport propagierten. Doch das jahrzehntealte Dopingsystem konnte auch er bei gleichzeitigem Weiterbetrieb nicht reformieren und scheiterte an dessen Paradoxie. Nachdem er Schumacher vor der Tour de France nicht loswerden konnte, stellte er sich lächelnd zu ihm aufs Foto mit dem Gelben Trikot. Einen Sponsor brachte auch das nicht, stattdessen Vorwürfe der „Betriebsblindheit“ vom geständigen Doper Patrik Sinkewitz. Trotzdem wollte Holczer weiter in seinem Sport bleiben. Bis zu den jüngsten Nachrichten.

Vielleicht mögen wenigstens die Kinder etwas von ihm lernen, falls er in den Schuldienst zurückgeht. Sonst hat er ja auch noch einen Fahrradladen. Mathias Klappenbach

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