Porträt : „Hollande wusste, was alle wussten“

Mediapart, eine reine Internetzeitung, ist zu einer der wichtigsten Enthüllungsplattformen in Frankreich geworden. Der Chef der Plattform, Edwy Plenel, war zuvor 25 Jahre bei "Le Monde". Nun stürzte er den Budgetminister - und attackiert Präsident Hollande.

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Edwy Plenel, Chef der französischen Enthüllungswebseite "Mediapart".
Edwy Plenel, Chef der französischen Enthüllungswebseite "Mediapart".Foto: AFP

Edwy Plenel lässt nicht locker. Vor wenigen Tagen konnte seine Internetzeitung „Mediapart“ ihren bisher größten Erfolg verbuchen: Die Affäre um Jérôme Cahuzac, den früheren französischen Budgetminister, der mit seinen illegalen Auslandskonten nun auch Präsident François Hollande in die Bredouille bringt, war erst durch hartnäckige Recherchen von „Mediapart“ ans Licht gekommen. Am Dienstag musste der Exminister zugeben, dass er die Unwahrheit gesagt und mit seinen Unschuldsbeteuerungen Parlament, Regierung und Präsident belogen hatte. Doch für Plenel ist es damit nicht getan. Jetzt knöpft er sich auch Hollande vor: „Der Präsident hat keine Entschuldigung, nicht früher gehandelt zu haben“, sagt Plenel, „er wusste, was jeder wusste“.

Enthüllungsgeschichten über die Verfehlungen von Mächtigen waren in Frankreich lange Zeit die Domäne der satirischen Wochenzeitung „Le canard enchaîné“, vor deren Erscheinungstag am Mittwoch die politische Elite oft zitterte. Seit einiger Zeit macht ihr „Mediapart“ die Rolle als zentrales Aufdeckungsorgan der Republik streitig. Die Internetseite erregte unter anderem Aufsehen mit Berichten darüber, wie der frühere Präsident Nicolas Sarkozy versuchte, in der Auseinandersetzung mit seinem Rivalen Dominique de Villepin in der Affäre um angebliche Konten bei der Luxemburger Bank Clearstream Druck auf die Justiz auszuüben. Auch Plenel stand übrigens auf einer manipulierten Kontenliste, was deutlich macht, wie sehr er manchen ein Dorn im Auge ist.

Der 60 Jahre alte Journalist begann seine Karriere unter Pseudonym bei einer trotzkistischen Wochenzeitung und arbeitete dann 25 Jahre für „Le Monde“, deren Chefredakteur er von 2000 bis 2004 war. Auf sein Konto geht die Aufdeckung der illegalen Telefonüberwachung, die der frühere Präsident François Mitterrand gegen Kritiker angeordnet hatte. Nach einem Streit um die Richtung der kriselnden Zeitung wurde er ausgebootet und gründete 2007 mit Freunden „Mediapart“ als Internetzeitung, die von ihren Nutzern Geld verlangt. Er hatte damit Erfolg. 65 000 Abonnenten zahlen inzwischen für den Zugang zu der Seite.

Allerdings blieb auch Kritik nicht aus. „Totalitäre Methoden“ wurden Plenel vorgeworfen. In der Affäre um Cahazuc wurde er von den Freunden des Exministers als „kleiner Robespierre“ beschimpft. Man ist gespannt, welches Vergehen Plenel als Nächstes aufdecken wird. Hans-Hagen Bremer

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