Porträt : „Ich entschuldige mich nicht für Kompromisse“

Der US-Republikaner Richard Lugar war 35 Jahre lang Senator. Nun wurde der moderate und pragmatische Politiker von der Tea Party in den Ruhestand geschickt - ein weiteres Zeichen dafür, dass die Macht der Ideologen in der Partei wächst.

von
Foto: AFP
Foto: AFPFoto: AFP

Die politische Mitte in den USA dünnt aus – nicht in der Bevölkerung, aber im Parlament. Jüngstes Beispiel ist Richard Lugar. 35 Jahre lang war er Senator des Bundesstaats Indiana und erwarb sich den Ruf, ein exzellenter Außenpolitiker und ein Mann der Mitte zu sein, der Ideologen mit Misstrauen betrachtet: ein Republikaner, der stets zum pragmatischen Kompromiss mit den Demokraten bereit war. Er nahm 2005 den frisch gewählten Senator Barack Obama unter seine Fittiche und half ihm, bei Reisen nach Russland zu Abrüstungsgesprächen Erfahrung zu sammeln.

Bei der Kandidatenaufstellung für die Kongresswahl im November verweigerte die Parteibasis dem 80-Jährigen in der Nacht zu Mittwoch eine siebte Amtszeit. Sie nominierte Richard Mourdock, den 60-jährigen Landesfinanzminister und Rechtskonservativen, der von der Tea Party unterstützt wird. Die meisten Republikaner wollen darin einen ganz normalen Generationswechsel sehen. Lugar habe kaum noch Kontakt zur Basis gepflegt, sagen sie. Seine Abschiedsrede klang anders: „Ideologie ist ein schlechter Ratgeber“, sagte Lugar. Ohne die Bereitschaft zum Ausgleich könne Demokratie nicht funktionieren.

Die meisten Kommentatoren sehen in Lugars Schicksal einen weiteren Beleg, dass die Republikaner in den vergangenen Jahren weit nach Rechts gerückt sind und auf ideologische Reinheit achten. Die Zahl der moderaten Parlamentarier sinkt. Manche von ihnen geben frustriert auf wie die Senatorin von Maine, Olympia Snowe. Ihr Beispiel zeigt, dass die Mehrheit der Bürger bereit ist, überzeugende Kandidaten aus dem anderen Lager zu wählen. In Maine dominieren die Demokraten, dennoch wurde die Republikanerin Snowe dort drei Mal gewählt. Die Wählerversammlungen, die die Kandidaten aufstellen, werden dagegen oft von den Ideologen beherrscht. Snowe tritt 2012 nicht mehr an. Sie sagt, sie werde wegen ihrer moderaten Linie angefeindet.

Amerikas Politstrategen sehen zweierlei Korrekturmöglichkeiten. Die Bürger sollten massenhaft an den Kandidatenaufstellungen teilnehmen und sie nicht den Ideologen überlassen. Oder den Trend zu polarisierenden Kandidaten in der Hauptwahl bestrafen. Gegen Lugar hätten die Demokraten keine Chance gehabt. Als Moderater gewann er seine Wahlen mit rund 60 Prozent. Gegen den Rechtsaußen Mourdock haben die Demokraten bessere Aussichten auf den Senatssitz. Christoph von Marschall

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben