Porträt : "Ich entschuldige mich"

Serbiens Präsident Boris Tadic hat erkannt, dass im Eingeständnis eigener Verfehlungen die Aussöhnung mit den Nachbarn liegen kann

Thomas Roser

Oft pflegen sich Politiker der Nachfolgestaaten Ex-Jugoslawiens in gegenseitigen Aufrechnungen der erlittenen Kriegsgräuel zu verlieren. Doch zumindest Serbiens Präsident Boris Tadic hat erkannt, dass im Eingeständnis eigener Verfehlungen die Grundlage für die ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit und die Aussöhnung mit den Nachbarn liegen kann. Er wolle sich bei all den Bürgern Kroatiens entschuldigen, die unter den von „Angehörigen meiner Nation“ begangenen Taten gelitten hätten, sagte der 49-Jährige am Wochenende im Fernsehen des Nachbarlandes: Er übernehme für von seinen Landsleuten im Kroatienkrieg begangene Kriegsverbrechen „die Verantwortung“.

Die erste offizielle Entschuldigung eines serbischen Spitzenpolitikers für die Untaten des Kroatienkriegs sorgt nicht nur in den Staaten Ex-Jugoslawiens für Aufsehen. Von einer „bislang einmaligen Geste“ ist bei westlichen Beobachtern die Rede. Dabei hat sich der 2004 zum Staatschef gewählte Tadic nicht nur in seinem eigenen Land schon lange als Befürworter einer offenen Auseinandersetzung mit den Kriegen profiliert. Unmittelbar nach seinem Amtsantritt besuchte er als erster serbischer Präsident nach Kriegsende Bosnien-Herzegowina – und entschuldigte sich für die dort von Serben begangenen Menschenrechtsverletzungen. Damals ließ er seiner Geste allerdings noch den Nachsatz folgen, dass auch die Serben eine solche Entschuldigung von Seiten Bosniens verdient hätten.

Auch in den Folgejahren sollte der Chef der sozialliberal orientierten Demokratischen Partei (DS) die eigene Regierung regelmäßig zu einer willigeren Zusammenarbeit mit dem UN-Kriegsverbrecher-Tribunal ermahnen. Lange stießen seine Appelle bei Premier Vojislav Kostunica allerdings auf taube Ohren. Vergeblich appellierte Tadic noch im Februar an das Parlament, eine Resolution zur Verurteilung des Massakers in der bosnischen Muslim-Enklave Srebrenica zu verabschieden.

Der studierte Sozialpsychologe war eines der ersten Mitglieder der von dem später ermordeten Premier Zoran Djindjic mit gegründeten DS. Wie sein Vorbild orientiert Tadic sich in Richtung Westen – und macht sich für den Beitritt seines Landes in Nato und EU stark. Im Kosovokonflikt sucht der Fußballfan zwar aus taktischen Gründen die Nähe zu Moskau. Doch er lässt keine Gelegenheit aus, um zumindest anzudeuten, dass für ihn die EU-Integration Serbiens von weitaus größerer Bedeutung als Kosovo sei. Thomas Roser

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