PORTRÄT : „Ich habe mich wirklich amüsiert“

Lebenslänglich – so lautet die Höchststrafe für besonders schwere Form der Spionage, deretwegen die 23-jährige israelische Journalistin Anat Kam angeklagt ist. Der Grund: Gefährdung der Staatssicherheit.

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Anat Kam. -Foto: AFP

Lebenslänglich – so lautet die Höchststrafe für besonders schwere Form der Spionage, deretwegen die 23-jährige israelische Journalistin Anat Kam angeklagt ist. Allerdings sitzt sie noch nicht einmal in Untersuchungshaft, sondern steht seit Monaten unter Hausarrest. Von dort aus konnte sie bis vor kurzem noch für die israelische Webseite „Walla“ arbeiten. Per E-Mail verabschiedete sich danach von ihren Kollegen: „Teure Freunde, ich befinde mich ab morgen bis auf weiteres in unbezahltem Urlaub. Dank Euch allen für alles. Ich habe mich wirklich amüsiert. Hoffe auf ein baldiges Treffen.“

Der Fall von Anat Kam war in den vergangenen Monaten Israels offenstes Staatsgeheimnis. Während ausländische Medien ausführlich über sie und die angebliche Spionageaffäre berichteten, war den israelischen Zeitungen und auch den im Lande ansässigen Auslandskorrespondenten von einer Richterin jede Berichterstattung darüber untersagt worden. Angeblich wegen Gefährdung der Staatssicherheit.

Die hatten Vertreter des Inlandgeheimdienstes Shabak vor Gericht behauptet – und so aus einer relativ kleinen kriminellen Angelegenheit, der Kopie von 2000 teilweise hochgeheimen Armeedokumenten und deren Weitergabe an einen Journalisten, eine Staatsaffäre gemacht. Die Akten hatte Anat Kam während ihrer Militärdienstzeit in der Kommandatur des für das Westjordanland zuständigen Generals gesammelt – und später an Uri Blau, einen Journalisten der Zeitung „Haaretz“, weitergegeben.

Dieser schrieb daraufhin einen aufsehenerregenden Artikel über gezielte Tötungen von Palästinensern im Westjordanland. Höchste Offiziere hatten solche demnach ausdrücklich angeordnet – und damit bewusst gegen ein Urteil des Obersten Gerichtshofes in Israel verstoßen. Blaus Artikel wurde von der Militärzensur bewilligt. „Haaretz“ unterlief dabei aber ein entscheidender Fehler. Weil die Zeitung die Geheimdokumente auch abgebildet hatte, kamen die Behörden Anat Kam auf die Spur.

Im Gegensatz zu Anat Kam wurde Blau nicht angeklagt. Er einigte sich mit den Behörden auf die Herausgabe von Dokumenten. Seitdem allerdings befindet er sich im unfreiwilligen Exil in London. Anat Kam aber muss am Mittwoch vor dem Tel Aviver Distriktsgericht antraben. Und die fehlbaren Offiziere, diee illegale Tötungen anordneten? Zwar soll seinerzeit eine Untersuchung eingeleitet worden sein, doch vieles spricht dafür, dass diese schon bald im Sande verlaufen wird. Charles A. Landsmann

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