Porträt : "Ich kann die Aufregung nicht verstehen"

Der SPD-Abgeordnete Johannes Jung äußerte sich ganz gegen die rituelle Übung, dass Politiker nie öffentlich über die Medien herziehen.

Tissy Bruns

Kein Tag war vergangen, seit die Ermittlungen gegen Journalisten wegen ihrer Berichte zum BND-Untersuchungsausschuss bekannt geworden waren – da wollte es eigentlich keiner gewesen sein. Weder der Ausschussvorsitzende, noch sein Stellvertreter, noch der Bundestagspräsident wollten sich nachsagen lassen, man habe die Absicht, gegen oder über Journalisten zu klagen.

Keiner? Doch, einer fand sich. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Jung, Jahrgang 1967, Wahlkreis Karlsruhe. In einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" schloss sich Jung zwar der Aussage an, dass es bei dem Geheimnisverratsverfahren nicht gegen Journalisten, sondern um die undichten politischen Stellen gehen solle. Pressefreiheit stelle er sich anders vor, sagte Jung auf die Frage, ob ihn die Ermittlungen gegen Journalisten störten. "Aber ich kann die Aufregung auf der Medienseite auch nicht ganz verstehen", fügte er hinzu – ganz gegen die rituelle Übung, dass Politiker nie öffentlich über die Medien herziehen. Jung: "In der Berichterstattung wird auch das letzte, sattsam bekannte Detail zur Sensation aufgeblasen". Er habe den Eindruck, man sei weit weg "von Aufklärung und investigativem Journalismus. Es geht hier um Auflagensteigerung und die Zahl der Klicks auf Websites."

Wie Jungs Abgeordnetenkollegen auf diese Äußerungen reagieren, kann man sich leicht ausmalen. Nach Art der Stammtische wird man ihm auf die Schulter klopfen und sagen: Das musste wirklich mal einer sagen. Um hinterher recht froh zu sein, dass man es nicht selbst war. Wie aber sollen die Angehörigen des auf diese Weise gescholtenen Berufsstands reagieren? Am besten mit Humor. Ob die Berichterstattung aufgeblasen ist und bloß der Auflagensteigerung dient – das hat mit dem Verfahren gegen die 17 Kollegen herzlich wenig zu tun. Da geht es um ganz etwas anderes, nämlich den Vorwurf zur Beihilfe an Geheimnisverrat, wo tatsächlich Journalisten ihrer Berufspflicht zur Information der Öffentlichkeit nachgekommen sind. Einerseits.

Andererseits gibt es gerade unter den 17, gegen die ermittelt wird, mehr als nur einen Journalisten, der in letzter Zeit selbst beklagt, dass Medien Mücken zu Elefanten machen oder längst Bekanntes zur Sensation. Wir betrachten die Offenheit des Abgeordneten Jung mit Sympathie. Er klagt nämlich nicht nur über Journalisten, sondern auch gegen die eigene Regierung. Das Verkehrs- und das Innenministerium verweigern ihm Akteneinsicht: Die Akten seien geheim. Der Parlamentarier Jung will sie sehen. Wir auch.

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