PORTRÄT ICHIRO OZAWA KANDIDAT FÜR PARTEIVORSITZ: : „Ich bin dieses Amtes unwürdig“

Jan Keuchel

Wie unverfroren Ichiro Ozawa sein kann, zeigt jener Satz, der das Zünden der Bombe begleitete. Er habe sich zu der Kandidatur um den Parteivorsitz der japanischen Regierungspartei DPJ entschieden, „obwohl ich dieses Amtes unwürdig bin“. Tatsächlich war es natürlich eine jener japanischen Höflichkeitsfloskeln, ausgesprochen, als Ozawa überraschend seine Kandidatur bekannt gab. Aber es war zugleich auch eine versteckte Unverschämtheit. Denn der skandalumwitterte Ozawa war erst vor wenigen Monaten auf Druck von Partei und Öffentlichkeit als Generalsekretär der Partei zurückgetreten. Nun könnte er, sollte er die Wahl am 14. September gewinnen, sogar Ministerpräsident Japans werden – ohne ein Votum der Bevölkerung.

Der derzeitige Amtsinhaber, Naoto Kan, kam erst vor drei Monaten zu diesem Job, als der damalige Parteichef Yukio Hatoyama als Ministerpräsident des Landes zurücktrat. Kan wurde zugleich neuer Premier, so sieht es die Parteitradition vor. Mit Hatoyama, der unter anderem wegen einer Spendenaffäre viel Vertrauen in der Bevölkerung eingebüßt hatte, ging auch Generalsekretär Ozawa, der stets als Strippenzieher im Hintergrund gewirkt hatte und gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt. In Japan nennen sie ihn den Schatten-Shogun.

Der 68-jährige Ozawa ist das hässliche Gesicht der japanischen Politik. Mehrfach in Korruptionsskandale verwickelt, ein Wanderer zwischen den Parteien und mit einem derartigen Machtwillen ausgestattet, dass er für die persönlichen Ziele nun sogar die Spaltung der eigenen Partei in Kauf nimmt. Denn dort ist mit seiner Kandidatur ein Hauen und Stechen zwischen Traditionalisten und Kans Erneuerern entbrannt. Sollte Ozawa nun tatsächlich ohne Wählervotum Ministerpräsident werden, hätten die Japaner nicht nur den dritten Ministerpräsident innerhalb eines Jahres, sondern auch ein Exemplar jener Politiker zurück, die sie eigentlich endgültig verjagen wollten.

Denn erst ein Jahr ist es her, dass Japan die seit 50 Jahren regierende Klientelpartei LDP abgewählt hat. Warum Ozawa, der jahrzehntelang diese Partei im Hintergrund führte, nun bei der DPJ an die Spitze will, darüber wird wild spekuliert. Beobachter glauben, dass es vor allem gekränkte Eitelkeit ist. Kan hatte ihm weder einen wichtigen Posten in seinem Kabinett noch in der Partei angeboten. Und dann ist da auch noch die Chance, endlich Ministerpräsident zu werden – obwohl er für das Amt eigentlich unwürdig ist. Jan Keuchel

0 Kommentare

Neuester Kommentar