Porträt : "Im Abschwung keine neuen Steuern"

Häufig war Gary Locke der Erste, zum Beispiel erster Gouverneur chinesischer Abstammung in einem US-Staat. Manchmal ist er der Dritte. Nun soll beides zusammenkommen.

Christoph von Marschall

Laut US-Medien wird Barack Obama im dritten Anlauf Gary Locke als Handelsminister nominieren – in der Hoffnung, dass er das Ernennungsverfahren als Erster durchsteht, nachdem Bill Richardson und Judd Gregg ihre Bewerbungen zurückgezogen hatten. Der Demokrat Richardson stolperte über ein Ermittlungsverfahren wegen Wahlspenden. Der Republikaner Gregg bekam späte Zweifel, ob Obamas Wirtschaftspolitik sich mit seinen eigenen Überzeugungen vom Freihandel vereinbaren lasse. Einen weiteren Fehlgriff darf sich Obama nicht erlauben. Wird Locke tatsächlich Handelsminister, wäre er das dritte Kabinettsmitglied mit asiatischen Wurzeln neben den Ministern für Energie, Steven Chu, und für Veteranen, Eric Shinseki.

Locke gilt als risikoarmer Kandidat. Den Republikanern im Senat, die über seine Ernennung mitentscheiden, ist er leicht vermittelbar. Als Gouverneur im Bundesstaat Washington beherzigte Locke während der Wirtschaftskrise 2001 nach Platzen der IT-Blase und den Anschlägen von New York die konservative Lehre, im Abschwung dürfe man keine Steuern erhöhen.

Lockes Weg ist typisch für die nach Bildung, Aufstieg und Integration drängenden Einwandererfamilien aus China. Er kam am 21. Januar 1950 in Seattle zur Welt, als zweites von fünf Kindern. Die Mutter stammt aus Hongkong, der Vater war bereits in den USA geboren. „Gary“, was dem Lautwert seines chinesischen Vornamens Ga-fai entspricht, war bei den Pfadfindern aktiv, studierte Politikwissenschaft in Yale und promovierte in Jura in Boston. Mit 32 Jahren wurde er Landtagsabgeordneter in Washington State und präsidierte im einflussreichen Haushaltsausschuss. 1996 wurde er zum Gouverneur gewählt und 2000 mit 58 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. In der folgenden Wirtschaftskrise entließ er tausende Staatsangestellte, fror die Gehälter der übrigen ein und reduzierte die Ausgaben für soziale Einrichtungen drastisch. Wegen seiner Budgetdisziplin wählten die Demokraten ihn 2003 als Redner, der auf George W. Bushs Bericht zur Lage der Nation im Kongress antwortet.

Lockes Attacke auf Bush hatte dann Hass- und Drohbriefe gegen ihn zur Folge. Nach Ende der Gouverneurszeit zog er sich vorübergehend aus der Politik zurück. Christoph von Marschall

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