PORTRÄT : „In seinem Auftrag, nach unseren Kräften“

Ein Porträt der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz.

Gerrit Bartels
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Foto: dpa

Der Umzug des Suhrkamp- Verlags von Frankfurt (Main) nach Berlin wäre ganz im Sinne von Siegfried Unseld, hat seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz am Tag der Verkündung gesagt. Sie musste das sagen. Denn zum einen dürfte sie in den nächsten Tagen immer mal wieder damit konfrontiert werden, dass ihr 2002 verstorbener Mann alles wollte, nur nicht mit seinem Verlag nach Berlin ziehen. Zum anderen ist es, seitdem sie selbst die Suhrkamp-Geschäfte führt, eines ihrer Hauptanliegen, stets nach den Vorgaben des alten, mitunter genialischen Verlegerpatriarchen zu handeln: „In seinem Auftrag, nach unseren Kräften“, wie sie es einmal ausdrückte.

Ein großer Teil ihrer Tätigkeit in den ersten Jahren bestand zudem darin, das Andenken an Unseld hochzuhalten – und zwar mit erheblichem inszenatorischen Aufwand, auf den sich die gelernte Schauspielerin Berkéwicz versteht: von der Trauerfeier 2003 in der Frankfurter Paulskirche viele Monate nach Unselds Tod, über die vielfältig-telepathischen Beziehungen, die sie mit ihm noch immer unterhält, bis zu ihrem Buch „Überlebnis“, in dessen Zentrum der Tod ihres Mannes steht. Und doch lässt sich der Umzug noch anders interpretieren, jenseits der programmatischen, wirtschaftlichen und politischen Motive, die Ulla Unseld-Berkéwicz ins Feld führt: Er ist einer der entscheidenden Schritte für sie als Verlegerin, sich aus dem überlangen Schatten ihres Mannes zu lösen.

1951 als Ursula Schmidt in Gießen als Tochter eines Arztes und einer Schauspielerin geboren, lernte sie nach diversen Schauspielerinnen-Engagements in München, Hamburg und Berlin den Suhrkamp-Verleger kennen, als sie dessen Verlag 1982 ihr Erzähldebüt „Josef stirbt“ vorlegte. 1990 heirateten die beiden, und man kann nicht gerade behaupten, Ulla Unseld-Berkéwicz sei die starke, mächtige Frau an Unselds Seite gewesen. Nach seinem Tod und diversen Machtkämpfen im Verlag schwang sie sich allerdings schnell zur Herrscherin bei Suhrkamp auf und begründete bald neue, viel beachtete Buchreihen wie die Edition Unseld und den Verlag der Weltreligionen, um damit den Dialogen zwischen Wissenschaft, Literatur, Philosophie und Theologie Raum zu geben. Und das sicher gleichfalls im Sinn von Siegfried Unseld.

Doch schon damit ließ sich erkennen, dass es Unseld-Berkéwicz nicht nur um Traditionspflege und Vermächtnisbewahrung zu tun war, sondern sie neue Schritte zu gehen bereit ist – was immer die kosten mögen und wie sie zu finanzieren sind. Ihr Buch „Überlebnis“ mag eine Todesbeschwörung allererster Güte sein, ein Erinnerungsbuch genauso wie ein etwas verschwurbelter Essay darüber, dass die Interaktionen von Wirklichkeit und der vielfältigen Vorstellung, die man sich von ihr machen kann, größer sind als gedacht, zumindest bei ihr. Es ist aber auch, psychodynamisch gesehen, eine Art Befreiung dadurch, dass sie über Unselds Tod ziemlich offen geschrieben und „Überlebnis“ dann auch veröffentlicht hat.

Berlin ist nun die nächste Etappe dieser Befreiung. Hier lässt sich ein Andenken bewahren, ohne auf Schritt und Tritt von Unseld und den Frankfurter Traditionen begleitet zu werden. Und dabei dürfte ihr vermutlich bewusst sein, dass mit einem Umzug nach Berlin nicht automatisch alles gut wird. Dass sich auch und gerade in Berlin ein Laden an die Wand fahren lässt. Gerrit Bartels

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