Porträt Ingrid Betancourt : "Ich sah mich als ein Symbol"

Die berühmte Ex-Geisel Ingrid Betancourt hatte eigentlich versprochen, das erlebte nicht an die Öffentlichkeit zu tragen. Zwei Jahre nach ihrem Gelübde, hat sie nun ein Buch herausgebracht.

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Was im Dschungel geschehen ist, muss im Dschungel bleiben“, hatte Ingrid Betancourt gelobt, als sie am 2. Juli 2008 nach 2322 Tagen mit 14 Mitgefangenen aus der Hand der kolumbianischen Untergrundbewegung Farc befreit wurde. Zwei Jahre danach hat sie das Gelübde aufgehoben. In einem Buch, das nun auch auf Deutsch erschienen ist, schildert die 48-jährige ehemalige Präsidentschaftskandidatin der kolumbianischen Grünen den Leidensweg während ihrer sechs Jahre langen Geiselhaft: die Entführung im Februar 2002, die von den Rebellen erlittenen Bedrohungen, Erniedrigungen und Gewalttätigkeiten, die wiederholten Ausbruchsversuche, ihre Ängste und ihre Hoffnungen. „Kein Schweigen, das nicht endet“, lautet der einem Gedicht Pablo Nerudas entlehnte Titel des 700 Seiten starken Werks.

In Kolumbien hat das Buch nur geringes Echo gefunden. Die kolumbianische Öffentlichkeit habe von den vielen Memoiren freigekommener Farc-Geiseln „die Nase voll“, schreibt die französische Tageszeitung „Le Monde“. Ingrid Betancourt habe sich mit ihren Starallüren und zuletzt mit ihrer Forderung einer Entschädigung von 6,5 Millionen US-Dollar vom kolumbianischen Staat – die sie nach empörten Protesten unter Tränen zurückzog – zudem um ihr Ansehen gebracht. In Politiker-Umfragen schneide nur noch der venezolanische Präsident Hugo Chaves schlechter ab.

In Frankreich dagegen genießt Betancourt, die aufgrund ihrer ersten Ehe mit einem Pariser Diplomaten auch französische Staatsbürgerin ist, ungebrochen große Sympathien. Ihrem Buch, das sie über achtzehn Monate hinweg mit Kugelschreiber auf Französisch zu Papier brachte, bescheinigt die Kritik die Qualität eines „außergewöhnlichen Abenteuerromans“. Die Zeitung „Le Figaro“ hebt ihre Fähigkeit hervor, die menschliche Natur in der extremen Erfahrung der Gefangenschaft zu beschreiben. Ehemalige Mitgefangene, unter ihnen Clara Rojas, ihre ebenfalls entführte Wahlkampfleiterin, haben Betancourt aus der Zeit der Gefangenschaft als „egoistisch“, „arrogant“ und „gemein“ in Erinnerung. Sie hätten das Gefühl gehabt, vergessen zu sein.

Selbstkritik übt Betancourt bis heute nicht. Im Gespräch mit „Le Monde“ räumte sie indes ein, dass sie nicht sensibel genug war, die Verzweiflung der anderen zu begreifen: „Ich sah mich als ein Symbol, das für alle nützlich sein könnte.“ Hans-Hagen Bremer

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