PORTRÄT JACQUES CHIRAC EX-PRÄSIDENT FRANKREICHS: : „Das hat mich zutiefst getroffen“

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Zu den Usancen der Republik gehört es, dass ein Präsident, der aus dem Amt geschieden ist, seinen Nachfolger nicht kritisiert. Vier Jahre lang hat sich Jacques Chirac an diese ungeschriebene Regel gehalten. Jetzt hat er sein Schweigen gebrochen. Im ersten Band seiner Memoiren, in dem er seinen politischen Weg bis zum Einzug in den Elysée-Palast 1995 darstellt, hatte er mit seinen politischen Widersachern abgerechnet, Nicolas Sarkozy aber weitgehend geschont. Im soeben erschienenen zweiten Band, in dem der Ex-Präsident über seine zwölf Jahre an der Spitze Frankreichs berichtet, richtet er jedoch Giftpfeile auf den heutigen Präsidenten. Als „nervös, ungestüm, von Ehrgeiz überquellend“ bezeichnet er ihn, als jemanden, „der sich vor nichts fürchtet, vor allem nicht vor sich selbst“.

Beobachter der politischen Szene Frankreichs werden von diesem Urteil kaum überrascht sein. Auch ausländische Regierungschefs haben Sarkozy so erlebt. Neu ist, dass der Alt-Präsident, der sich bei den Franzosen heute großer Beliebtheit erfreut, offen über Sarkozy herzieht, den er doch einmal als aufstrebende Nachwuchshoffnung zu seinem politischen Ziehsohn gemacht hatte. Wann es zum Bruch kam, lässt Chirac offen. Doch es wird vor der Wahl 1995 gewesen sein, als Gerüchte über angebliche Affären der Familie Chirac aufkamen. Urheber dieser Gerüchte soll Sarkozy als damaliger Wahlkampfsprecher von Chiracs Gegner Edouard Balladur gewesen sein. „Ich habe nie einen Beweis dafür gehabt, dass sie von ihm ausgingen, wie man mir versicherte“, resümiert Chirac diese Zeit mit bitterem Unterton.

Das gestörte Verhältnis zwischen dem politischen Altmeister und seinem abtrünnigen Enkel blieb irreparabel. Zu groß war stets das Misstrauen. Als man ihm nach seiner Wiederwahl 2002 Sarkozy als Premierminister empfahl, erschien dieser ihm zwar als „am besten“ geeignet. „Ich unterschätze seine Qualitäten nicht, seinen Arbeitseifer, seine Energie, die ihn in meinen Augen zu einem der begabtesten Politiker seiner Generation machen“, schreibt Chirac. Aber zwischen ihnen gäbe es „zu viele dunkle Zonen“. Als sich 2004 die Frage nach einem Premierminister erneut stellte, gab der Zweifel an Sarkozys Loyalität wiederum den Ausschlag. 2007 sah Chirac sich dann bestätigt, als Sarkozy am Abend seines Wahlsiegs seinen Vorgänger mit keinem Wort erwähnte: „Das hat mich zutiefst getroffen.“ Hans-Hagen Bremer

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