PORTRÄT JAN FISCHER, NEUER PREMIER TSCHECHIENS : "Ich bin kein Politiker"

Die Welt Jan Fischers sind die Zahlen. Dorthin will er auch wieder zurück, wenn er Mitte Oktober dieses Jahres seine Arbeit erledigt hat. So lange wird Fischer seinen Arbeitsplatz an der Spitze des Statistischen Amtes der Tschechischen Republik mit dem des Regierungschefs vertauschen.

Knut Krohn
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Foto: AFP

Damit wird Fischer, zumindest formal, auch zu einem der mächtigsten Männer Europas: Tschechien hat noch für zwei Monate die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union inne.

Eine erstaunliche Karriere, die das politische Durcheinander der vergangenen Wochen möglich machte. Fischer ist Chef einer Expertenmannschaft, die das Land führen soll, nachdem der gewählte Premierminister Mirek Topolanek an einem Misstrauensvotum gescheitert ist. Fischers Mannschaft wird aus parteilosen Mitgliedern bestehen, die von den drei bürgerlichen Parteien und den Sozialdemokraten vorgeschlagen werden. Das wurde in Prag nach langen Diskussionen so festgelegt. Verärgert hat man in Brüssel zu Kenntnis genommen, dass sich die Streithähne in Tschechien nicht darauf einigen konnten, die Regierung zumindest bis zum Ende der Ratspräsidentschaft im Juni im Amt zu lassen.

Der Name Jan Fischer sei ihm nicht eingefallen, als er an einen Übergangspremier dachte, gab Präsident Vaclav Klaus zu Protokoll. Doch scheint der 58-Jährige für alle Beteiligten die ideale Besetzung. Er ist offensichtlich kompetent, eine große Behörde zu leiten, und vor allem politisch völlig unambitioniert. Eine Eigenschaft, die die Prager Profipolitiker mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen. Die bereiten nämlich bereits den Wahlkampf vor. Dabei fällt es auch nicht ins Gewicht, dass Fischer als junger Mann in die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei eintrat und das Parteibuch erst nach dem Zusammenbruch des Kommunismus zurückgab.

Politische Erfahrung ist es nicht, die Fischer für den Job befähigen könnte. Als Chef des Statistischen Amtes hat er lediglich an einigen Kabinettssitzungen teilgenommen. Studiert hat der Sohn einer Mathematikerfamilie an der Hochschule für Ökonomie in Prag. Danach arbeitete er unter anderem als Statistiker bei einem internationalen Marktforschungsinstitut und als Dozent an der Informatikfakultät der Prager Wirtschaftsuniversität.

Fischer, der fließend Englisch und Russisch sprich, ist zum zweiten Mal verheiratet. Sein Sohn, das älteste von drei Kindern, tritt bereits in die Fußstapfen des Vaters: Er ist Statistiker.Knut Krohn

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