PORTRÄT : Jens Kreuter: "Es kann zur Ausstiegswelle kommen"

Jens Kreuter ist Bundesbeauftragter für den Zivildienst. Auch für ihn kommt die Ankündigung überraschend, dass Verteidigungsminister Guttenberg die Wehrpflichtkürzung plötzlich vorziehen will.

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Foto: dpa

Im Zivildienst herrsche „Aufbruchstimmung“, verkündete Jens Kreuter, der dafür zuständige Bundesbeauftragte, noch vor zwei Jahren. Der „Abwärtstrend“ bei den Ziviplätzen sei gestoppt. Inzwischen klingt Kreuters Tonlage besorgter – vor allem seit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) am Dienstag überraschend den Plan aus dem Hut zog, Wehr- und damit auch Zivildienst schon in diesem Jahr von neun auf sechs Monate zu verkürzen. Eigentlich war das zum 1. Januar 2011 vorgesehen. „Ich nehme es ausgesprochen ernst, dass die Einsatzstellen solche Probleme mit der Neuregelung haben“, sagt Kreuter jetzt. „Wenn es keine Lösung gibt, kann es zu einer Ausstiegswelle kommen.“

Im Unterschied zum Wehrbeauftragten ist der 44 Jahre alte Kreuter nicht nur Ombudsmann für rund 90 000 Zivildienstleistende, er steht auch im Rang eines Abteilungsleiters im Bundesfamilienministerium. Als solcher ist er normalerweise in die Regierungsdisziplin eingebunden. Doch Familienministerin Kristina Schröder (CDU) und ihre Beamten sollen über Guttenbergs neuen Hakenschlag verstimmt, weil nicht informiert, gewesen sein. Umso dringlicher erscheint nun eine Diskussion über einen Vorschlag, den Kreuter bereits vor einiger Zeit gemacht hatte. Demnach sollen Zivis ähnlich wie Wehrpflichtige die Möglichkeit erhalten, ihren Dienst gegen Bezahlung zu verlängern.

Ohnehin versucht Kreuter wie noch kein Bundesbeauftragter vor ihm, den Ersatzdienst vom Makel des Zwangsdienstes zu befreien und ihm das Image eines „Lerndienstes“ zu verpassen. Das hat wohl auch mit persönlichen Erfahrungen zu tun. Als angehender Theologe hätte Kreuter nach dem Abitur 1985 keinen Wehr- oder Zivildienst leisten müssen. Er bewarb sich trotzdem für den „Anderen Dienst im Ausland“. 18 Monate verbrachte Kreuter in Nes Ammim, einer christlichen Siedlung im Norden Israels: „Was ich an kulturellen und religiösen, aber auch an menschlichen und sozialen Erfahrungen mitgenommen habe, prägt mich bis heute“, sagt er.

Später studierte Jens Kreuter Theologie in Wuppertal, Bern und Naumburg. Das war 1989/90, er musste noch ein Studienvisum für die DDR beantragen. Kreuter, der auch Volljurist ist, wurde Vikar in Bonn, kehrte aber nach einem Jahr Erziehungsurlaub nicht mehr auf die Kanzel zurück. Er wurde Referent bei der Evangelischen Kirche in Deutschland, später in der niedersächsischen Staatskanzlei. Verheiratet ist er mit einer Tochter des ehemaligen Verfassungsrichters Paul Kirchhof, seine Doktorarbeit schrieb er in Heidelberg bei Bischof Wolfgang Huber über die „Grenzen des Strafrechts“ bei der Aufarbeitung von Menschenrechtsverbrechen in Südafrika, Vietnam und in der DDR.

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