PORTRÄT JOACHIM ERWIN DÜSSELDORFER OB: : „12. September sind wir schuldenfrei“

Sebastian Bickerich

Ist dieser Mann ein Vorbild für Klaus Wowereit? Um es gleich vorweg zu sagen: Um die Haltungsnote geht es nicht. Dafür ist Joachim Erwin mit seiner Abneigung gegenüber Kommunisten, Sinti und Roma sowie Homosexuellen viel zu sehr CDU-Rechtsaußen alter Schule. Doch jetzt hat der Düsseldorfer Oberbürgermeister eine Nachricht verkündet, die weit über die Grenzen des Rheinlandes ausstrahlt: Düsseldorf, Deutschlands neuntgrößte Stadt, sei ab 12. September 2007 schuldenfrei.

Das hat mit Dresden bisher erst eine einzige Großstadt in Deutschland geschafft – und das soll, geht es nach Erwin, der sich selbst ganz düsseldorferisch-großspurig als „CEO eines mittelständischen Unternehmens mit drei Milliarden Euro Jahresumsatz“ begreift, nun auch Vorbild für andere Städte in Deutschland sein. Ist doch die Methode, mit der der 57-jährige gebürtige Thüringer seine Stadt entschuldet hat, auch Finanzpolitikern wieThilo Sarrazin bestens bekannt: das radikale Verscherbeln des Tafelsilbers. So entsorgte Erwin, der seit 1999 an der Spitze der Stadt steht, zuerst die 80-Prozent-Mehrheit an den Düsseldorfer Stadtwerken beim Energieversorger EnBW. Danach entledigte er sich eines 400 Millionen schweren Aktienpakets am Energieversorger RWE.

Hier hören die Berlin-Parallelen allerdings schon auf. So schwimmt Düsseldorf, das im übrigen Rheinland wahlweise als kulturlose Altbier- oder als Neureichenmetropole verspottet wird, verglichen mit Berlin im Geld. Der Handelsriese Metro hat hier seine Zentrale, der Energiekonzern Eon und die Mobilfunker Vodafone und E-Plus, hinzu kommen internationale Anwaltskanzleien und die nordrhein- westfälische Landesregierung. Erwins PR-Coup, den er vor der örtlichen Presse mit der Ankündigung zur erneuten OB-Kandidatur 2009 verband, war deshalb ungleich leichter zu bewerkstelligen als die Entschuldung der Hauptstadt, deren Altlasten von über 60 Milliarden Euro Berlin niemals aus eigener Kraft wird stemmen können.

Ohnehin ist seine Entscheidung, die Stadtwerke leichterdings an einen Energiemonopolisten wie EnBW zu verkaufen, nach wie vor umstritten – kann die Stadt doch keinen direkten Einfluss mehr auf die Qualität der Energieversorgung ausüben. Dass das ganz praktische Auswirkungen haben kann, spürten 150 000 Düsseldorfer aus zwölf Stadtteilen am vergangenen Dienstag: Offenbar wegen maroder Leitungen blieben sie ohne Strom. Für CEO Erwin lediglich ein „normaler Vorgang“.Sebastian Bickerich

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