PORTRÄT JOACHIM POSS VIZE-FRAKTIONSCHEF DER SPD: : „Wir waren immer linke Mitte“

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Auf den großen Bühnen der deutschen Politik hat man ihn nur äußerst selten gesehen. Was nicht allzu viel über seinen Beitrag an der sozialdemokratischen Politik der letzten Jahrzehnte aussagt. Joachim Poß, 61, 30 Jahre davon Abgeordneter im Bundestag, davon lange als Vizechef der Fraktion, versteht Politik in erster Linie als Lösung von Sachaufgaben und steht am liebsten dort auf der Bühne, wo Politik beginnt: In seinem Wahlkreis im nordrhein-westfälischen Gelsenkirchen. Die Leute dort danken es ihm. Vergangenen Herbst, seine Parteifreunde im Bundestag wurden beinahe reihum mit magersten Stimmanteilen abgestraft, wählten ihn die Gelsenkirchener erneut mit mehr als 50 Prozent direkt in den Bundestag. Ein Spitzenwert in der SPD, Poß zog ins Präsidium seiner Partei ein.

Jetzt hat ihn Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier um Vertretung in seinem Amt gebeten. Poß ist dienstältester Stellvertreter. Für ein paar Wochen nur wird er die Fraktion führen, was bedeutet, dass Poß eher aufpassen wird, dass nichts anbrennt, als dass er eigene Akzente setzt. Und doch gibt es auch so etwas wie eine innere Logik. Denn immer, wenn es in der SPD um Zahlen geht, zumal um Etat- und Steuerzahlen, dann führt kein Weg an ihm vorbei. Finanzexperte war er unter Schröders rot- grüner Regierung, unter Schwarz-Rot und ist es auch jetzt in der Opposition. Beim Parteitag im September will sich die SPD steuerpolitisch neu aufstellen. Poß leitet seit Wochen die Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der inhaltlichen Arbeit. Anhebung des Spitzensteuersatzes bei gleichzeitiger Anhebung des Betrages, ab dem er gelten soll, Einführung einer Vermögenssteuer: Joachim Poß hat zwar die Steuersenkungspolitik seiner Partei im letzten Jahrzehnt mitgemacht, ist allerdings gleichzeitig als Sozialdemokrat bekannt, der schon früh gesehen hat, dass die Gesellschaft in Arm und Reich auseinanderzufliegen droht.

Zum linken Ideologen hat ihn das trotzdem nie gemacht. Er hält sich fern von Strömungen in seiner Partei, steht mit beiden Beinen in der Realität und vertraut dem Menschenverstand. „Alter Hase“ ist eine Bezeichnung, die auf ihn passt. Mit Pfeife und gern im Anzug samt Weste. Dass er kein Mann der hinteren Reihe ist, hat Poß in seinen Reden im Plenum unter Beweis gestellt. Und im September spätestens wird man ihn dort auch wieder sehen. Wenn es um den Haushalt des Bundes für 2011 geht. Antje Sirleschtov

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