PORTRÄT JOE BIDEN VIZEPRÄSIDENT DER USA: : „Wir wollen zuhören und kooperieren“

Christoph von MarschallD

Er war der Joker in Barack Obamas Wahlkampf. Nun dient er als Allzweckwaffe des neuen US-Präsidenten. In München setzt Joe Biden für Obama den Ton im Verhältnis zu den Alliierten in Europa, aber auch zu Russland oder dem Iran. Ob Verbündete, Partner oder Gegner: Sie alle werden genau hinhören, wenn Obamas Vize heute um 12 Uhr 20 bei der Sicherheitskonferenz spricht. Sie wollen herausfinden, wie viel Wandel sie vom neuen Team in Washington erwarten dürfen. Ursprünglich war Bob Gates als höchster Amerikaner angekündigt. Obama hatte Bushs Verteidigungsminister gebeten, im Amt zu bleiben, weil er ihm vertraut. Aber als Symbol des Wandels ist Bush- Kritiker Biden glaubwürdiger. Zudem ist er als Vizepräsident ranghöher. Sein Besuch ist eine diplomatische Verbeugung vor Europa.

Thematisch wird er sich nicht auf die Sicherheitspolitik beschränken. Er kann auch über „weichere“ Themen wie Klimapolitik oder die Finanzkrise sprechen. „Den Willen zur Partnerschaft unterstreichen“, gibt Bidens Büro als Ziel der Reise aus. Man wolle besser zuhören und kooperieren als Bush.

Kaum einer hat mehr Erfahrung in der Weltpolitik als der 66-Jährige. 36 Jahre vertrat er den kleinen Staat Delaware im Senat, lange leitete er den Außenpolitischen Ausschuss. Deshalb machte ihn Obama im August 2008 zu seinem Vizepräsidentschaftskandidaten. Der Krieg zwischen Russland und Georgien sowie die tiefe Krise in Pakistan provozierten damals Fragen nach Obamas sicherheitspolitischer Kompetenz. Biden schloss diese Lücke erfolgreich. Weil er die Welt und so viele Staatsmänner kennt, spekulieren US-Medien bisweilen, ob da nicht eine Rivalität zwischen ihm und Außenministerin Hillary Clinton drohe.

Aber dank seiner vielen Jahre in der Politik ist er ein „Allrounder“. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen, wurde in der Arbeiterstadt Scranton, Pennsylvania, geboren und war Obamas Brücke zu weißen Arbeitern, die dem schwarzen Präsidentschaftskandidaten mit Misstrauen begegneten. Aus dem Stand kann er über Sozial- oder Rechtspolitik Substanzielles sagen. Er sei der allererste Ratgeber des Präsidenten in allen politischen Fragen, so beschreibt er die Absprache mit Obama über seine Rolle. Nur sein flottes Mundwerk bereitet ihm mitunter Probleme. Zweimal bewarb er sich selbst um den höchsten Job – und stolperte, weil er Reden plagiierte und zu respektlos über Rivalen sprach.

Christoph von Marschall

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