PORTRÄT JOHANNA SIGURDARDOTTIR ISLANDS REGIERUNGSCHEFIN: : "Unsere Stunde ist gekommen“

Mit 66 Jahren – einem Alter in dem andere in Rente gehen – will Johanna Sigurdardóttir noch einmal ein ganzes Land retten: Ihre Heimat Island liegt finanziell und wirtschaftlich gesehen in Trümmern, trotz der bewundernswerten Zuversicht der Isländer.

André Anwar

Mit 66 Jahren – einem Alter in dem andere in Rente gehen – will Johanna Sigurdardóttir noch einmal ein ganzes Land retten: Ihre Heimat Island liegt finanziell und wirtschaftlich gesehen in Trümmern, trotz der bewundernswerten Zuversicht der Isländer. Der Reformprozess, den die Nordatlantikinsel nach dem Zusammenbruch am Beginn der Finanzkrise durchmachen muss, wird hart sein. Da passt es ganz gut, dass die am Wochenende klar im Amt bestätigte Regierungschefin nicht nur die hohe Politik kennt. Die Ministerpräsidentin ist vielen Berufen nachgegangen, selbst als Stewardess hat sie schon ihr Geld verdient. Heute ist sie mit der populären isländischen Schriftstellerin Jonina Lesdottir verheiratet. Aus einer früheren Beziehung hat sie zwei Söhne, den 1972 geborenen Sigurdur Egill und den fünf Jahre jüngeren David Steinar.

Als sie 1994 beim Versuch scheiterte, Parteichefin der Sozialdemokraten zu werden, prophezeite Sigurdardóttir: „Meine Zeit wird kommen.“ Im Februar dieses Jahres wurde sie dann Interimsregierungschefin, im März (auf dem Höhepunkt der bis dahin beispiellosen Banken- und Wirtschaftskrise) stieg sie zur Parteichefin der sozialdemokratischen Allianz auf und am Samstagabend verkündete sie nach dem Wahlsieg unter tosendem Applaus ihrer Anhänger: „Unsere Stunde ist gekommen.“

1978 wurde Sigurdardóttir erstmals zur Abgeordneten gewählt. Von 1987 bis 1994 und dann wieder seit 2007 war sie im Kabinett für Soziales zuständig. Ihr Engagement für Senioren, Behinderte und sozial Benachteiligte trug ihr den Spitznamen „Heilige Johanna“ ein. Die Sozialdemokratin gehört zu den wenigen Politikern des Landes, denen der Großteil der Bevölkerung auch in diesen düsteren Zeiten noch vertraut. Der Politologe Gunnar Helgi Kristinsson führt das auf „Authentizität und Glaubwürdigkeit“ zurück.

Sie werde sich für eine „andere Moral“ einsetzen, kündigte Sigurdardóttir dementsprechend an. Beseitigen will sie die jahrzehntelange Vetternwirtschaft einer kleinen Machtelite um die konservative Selbstständigkeitspartei, die für den Zusammenbruch des Wirtschaftssystem verantwortlich gemacht wird. Aber das wird nicht so einfach in einem kleinen Land mit knapp 320 000 Einwohnern, wo jeder jeden kennt und eine Hand stets die andere wusch. Immerhin aber hat Sigurdardóttir nun genügend Stimmen im Parlament, um zumindest die größten Vorhaben durchzusetzen. André Anwar

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