PORTRÄT JOHN CHILCOT, BRITISCHER IRAK-ERMITTLER : "Wir dürfen nichts überstürzen"

Der britische Premier Gordon Brown hofft, dass der offizielle Ermittler zum Irakkrieg leise und diskret vorgeht. Sir John Chilcot hat womöglich andere Pläne.

Matthias Thibaut

Zu den besten Seiten von Sir John Chilcot gehört, dass man wenig von ihm weiß. Als respektierter Mandarin hat der hohe Beamte vielen Regierungen im Stillen gedient. Schlagzeilen wären ein Zeichen für Misserfolg gewesen – zumal seine Spezialgebiet die Geheimdienste waren. Der Karrierebeamte ist „a safe pair of hands“, wie man sagt, ein Mann mit einer sicheren Hand. Das erstreckt sich bis hin zur Wahl seiner Hobbys, die der strohblonde 70-Jährige mit „Musik, Wandern und Lesen“ angibt.

Nun wird der stille Mann aber doch noch berühmt und möglicherweise Fernsehstar. Premier Gordon Brown hat ihn, vielleicht in Erwartung von dessen Beamtenloyalität, zum Vorsitzenden der dreiköpfigen Kommission ernannt, die alle Aspekte des Irakkriegs von den ersten Vorbereitungen 2001 bis zum Abzug der britischen Truppen Ende dieses Monats untersuchen wird. Chilcot bestätigte bei der offiziellen Eröffnung der Untersuchung, dass alle Vernehmungen, sofern es sich mit Fragen der nationalen Sicherheit verträgt, öffentlich sind und im Fernsehen oder Internet übertragen werden.

Gerade weil Sir Johns Karriere bisher so schillernd still verlief, fragen sich einige, ob er das Zeug hat, auch unangenehme Fragen zu stellen, wenn er Starzeugen wie den ehemaligen Premier Tony Blair vernehmen wird, den einige bekanntlich gern als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt hätten. Die Untersuchung sei kein Gericht, betonte Chilcot. Aber wenn sich zeige, dass jemand seine Pflichten verletzt und unrechtmäßig gehandelt habe, „werden wir das mit Sicherheit klar und deutlich sagen“. In den Stoff ist er eingearbeitet. Chilcot war 2004 bereits Mitglied der sogenannten Butler-Kommission, die maßvoll Kritik an den Geheimdienstberichten über Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen übte.

Ursprünglich sollte die Chilcot-Kommission hinter verschlossenen Türen arbeiten, hatte Brown entschieden. War es wirklich Sir John, der dann die Öffentlichkeit durchsetzte, nachdem er den Job angenommen hatte, ohne sich am Ausschluss der Öffentlichkeit zu stören? Oder machte die Regierung angesichts der Entrüstung über die Geheimniskrämerei einen Rückzieher? Es wird viele Gelegenheiten geben. Chilcot bei der Arbeit zuzusehen: Die Ergebnisse würden wohl erst 2011 veröffentlicht werden, sagt er. Bei einer so wichtigen Untersuchung dürfe man schließlich nichts überstürzen. Matthias Thibaut

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