PORTRÄT JOHN F. KERRY US-AUSSENMINISTER: : „Diplomatie ist billiger als Militär“

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Am Dienstag kommt er nach Berlin. In seiner Jugend hat Amerikas neuer Außenminister die fortschreitende Teilung der Stadt miterlebt, sein Vater war dort Diplomat. Überhaupt gleicht der europäische Teil der Antrittsreise John F. Kerrys einer Rückkehr in frühe Phasen der eigenen Biografie und in die Familiengeschichte. In Frankreich, der dritten Station nach London und Berlin, hat er viele Sommerferien verbracht. Die Familie seiner Mutter, Rosemary Forbes, besitzt ein Anwesen in Saint-Briac in der Bretagne. Die Wehrmacht hatte es im Weltkrieg als Quartier genutzt. Die Bilder, wie er 1947 als Dreijähriger an der Hand seiner weinenden Mutter durch Scherben und Trümmer des zerstörten Hauses stapfte, gehören zu seinen frühesten Erinnerungen. 1954 wurde es wieder aufgebaut.

Erst mit 60 Jahren erfuhr der praktizierende Katholik, dass seine Großeltern väterlicherseits Juden aus dem habsburgischen Teil Schlesiens waren. 1900 wählten Fritz Kohn und Ida Löwe als neuen Namen Kerry – der irische Ort war angeblich das Zufallsergebnis, als Fritz einen Stift mit verschlossenen Augen über einer Karte kreisen und fallen ließ. 1901 traten sie zum Katholizismus über, 1905 wanderten sie in die USA aus.

Im Rückblick wirkt es, als habe sich Kerry sein Leben lang darauf vorbereitet, Außenminister zu werden, auch wenn er das Amt erst mit 69 Jahren übernahm. Zuvor leitete er den außenpolitischen Ausschuss im Senat. 2004 hatte er die Präsidentschaftswahl gegen George W. Bush verloren. Barack Obama betraute Kerry mehrfach mit heiklen Missionen. Er überredete Afghanistans Präsident Karsai 2009 zur Wiederholungswahl, nachdem es bei der ersten Manipulationen gegeben hatte. Er flog als Vermittler nach Pakistan, um die Gemüter nach tödlichen Schusswechseln mit US-Truppen im Grenzgebiet und dem Zugriff auf Osama bin Laden zu besänftigen.

Die Erfahrung als Schnellbootkapitän im Vietnamkrieg hat Kerry geprägt. „Es ist viel billiger, heute Diplomaten zu entsenden als morgen das Militär“, sagte er am Mittwoch in der ersten Rede als Außenminister an der University of Virginia. Das ist ein neuer Ton. Hillary Clinton brachte auch Amerikas Militärmacht als Mittel der Außenpolitik ins Spiel. Kerry beeindruckt mit seinen 1,93 Meter Größe und einem Hang zu feinen Stoffen und exquisiten Speisen. In zweiter Ehe ist er mit der Millionärin Theresa Heinz verheiratet, der die Ketchup-Firma Heinz gehört. Christoph von Marschall

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