PORTRÄT JON FAVREAU, OBAMAS REDENSCHREIBER: : "Robert Kennedy inspiriert mich"

Jon Favreau hat den besten und zugleich schwierigsten Job im professionellen Redenschreiben. Sein Herr Barack Obama ist zugleich sein Meister.

Christoph von Marschall

Vermutlich sitzt er bereits an Barack Obamas Berliner Rede. Und natürlich dringt kein Wort nach außen, welches Zitat die Nachwelt vom Auftritt des potenziellen nächsten US-Präsidenten in neun Tagen in Berlin in Erinnerung behalten soll. Jon Favreau scheut die Öffentlichkeit und den Kontakt zu den Medien, so wie jeder ernst zu nehmende Obama-Berater. Für den engsten Kreis ist das eine Frage der Professionalität.

Wenn ihm einer zusehen dürfte, wäre Verwirrung die erste Reaktion: „This kid“ soll Obamas Redenschreiber sein? Der 26-Jährige hat das weiche Gesicht eines Jugendlichen. Sie waren sich beim Nominierungsparteitag der Demokraten in Boston 2004 begegnet, als Obama seine Rede als Nachwuchsstar übte. Favreau kam frisch vom Holy-Cross-College in Massachusetts und gehörte zu John F. Kerrys Mannschaft. Er wagte es, Obama auf eine Wiederholung im Text aufmerksam zu machen. Nach Kerrys Niederlage ergänzte Obama seinen Stab aus dessen Team, voran Robert Gibbs, zuvor Kerrys Sprecher, der heute als „Communication Director“ darüber entscheidet, wer zu Obama vorgelassen wird. Gibbs holte Favreau in die Dienste des schwarzen Senators.

Der hat nun den besten und zugleich schwierigsten Job im professionellen Redenschreiben. Sein Herr ist zugleich sein Meister. Obama galt schon ohne seine Hilfe als begnadeter Redner und ist ein Bestsellerautor aus eigener Kraft. Favreau musste lernen, zu denken und zu sprechen wie Obama. Zur Inspiration liest er Reden von Kennedy – nicht John F. Kennedy, sondern Robert Kennedy, dem jüngeren Bruder – und Martin Luther King. Das verriet er der „New York Times“ in einem seiner seltenen Interviews. 30 Minuten rede er in der Regel mit Obama über die Kernpunkte einer Rede. Die Arbeit am Text dauert oft bis 3 Uhr morgens; um 5 Uhr sei er wieder wach, weil die Gedanken um Formulierungen im Kopf kreisen. So entstand der Einstiegssatz der Rede nach Obamas Auftaktsieg in Iowa: „Viele haben gesagt, dieser Tag werde niemals kommen …“ Zum ersten Mal hatte ein schwarzer Kandidat in einem fast ausschließlich weißen Staat gesiegt.

Das Geheimnis von Obamas Erfolg, sagt Favreau, liege nicht in genialen Sätzen. Obama kleide Politik vielmehr in Geschichten von Menschen und erzähle seine Biografie als Teil der Gesellschaftsentwicklung in den USA. Das berührt die Zuhörer. Seit langem hat kein Demokrat das so gut beherrscht. Christoph von Marschall

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