PORTRÄT JOSE LUIS ZAPATERO MINISTERPRÄSIDENT SPANIENS: : „Ich bin ein Roter“

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Tiefe Schatten um die Augen, grau im Gesicht, zusammengepresste Lippen. Das berühmte Lächeln von Spaniens Regierungschef Jose Luis Zapatero (49) ist verschwunden. Stattdessen spiegelt sich Müdigkeit, Kraftlosigkeit und Resignation in den Zügen. Er wirkt um Jahre gealtert. Der Mann, dessen Land in einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise steckt, gilt als schwer angeschlagen.

Zuletzt streikten vergangene Woche die Mitarbeiter der U-Bahn in Madrid gegen Einkommenskürzungen: Zwei Millionen Pendler waren betroffen. In Juni gab es landesweite Ausstände gegen das Sparprogramm. „Ein politischer Kadaver“, urteilt hart Josep Antoni Duran, Sprecher der einflussreichen katalanischen Regionalpartei CiU.

Genau genommen genügten zwei Minuten, um Zapateros Image vom progressiven Ministerpräsidenten zu sprengen und seinen Absturz einzuleiten. Jene 120 Sekunden, in denen er im Parlament dem Volk das härteste Sparprogramm aller Zeiten verkündete: Kürzung von Sozialleistungen sowie Beamtenlöhnen, Einfrieren der Renten, Steuererhöhungen. Ein Axthieb ohne Vorwarnung, der sogar Zapateros Parteigenossen erzittern ließ.

Das war nicht mehr der nette Sozialist, der vor sechs Jahren den verknöcherten Konservativen Jose Maria Aznar aus dem Amt drängte. Der angetreten war, um aus dem verstaubten Spanien einen modernen Sozialstaat zu machen. „Ich bin ein Roter“, hatte er früher gerne gerufen. Wenn Zapatero jetzt auf die Bühne tritt, schallen ihm Buhrufe entgegen. Aus dem progressiven Sonnyboy wurde Spaniens Sündenbock.

Dabei hatte Zapateros Dienstantritt 2004 mit Paukenschlägen angefangen. Weil er als Erstes Spaniens Soldaten aus dem Irak zurückpfiff. Auf Dialog statt auf Gewalt setzte, auch mit den baskischen ETA-Terroristen. Und weil sich der erklärte „Anti-Macho“ im Land der Stierkämpfer für soziale Gerechtigkeit sowie Gleichberechtigung einsetzte.

Nur eines vergaß der große Erneuerer: Die Reform der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes. Zwar brummte der Motor, als Zapatero das Ruder übernahm. Vor allem, weil der Staat auf rücksichtsloses Wachstum der Bau- und Immobilienbranche setzte. Doch als der überhitzte Markt plötzlich zusammenbrach, begann der Fall ins Bodenlose. Allerdings ist auch kein Politiker in Sicht, dem das spanische Volk zutrauen würde, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen.Ralph Schulze

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