PORTRÄT : Judith Galaraza verfolgt Frauenmorde in Mexiko

Sie wird angefeindet und bedroht, trotzdem kämpft sie weiter. Jetzt wird die mexikanische Menschenrechtlerin Judith Galaraza dafür mit dem "Theodor-Haecker-Preis für politischen Mut und Aufrichtigkeit“ geehrt.

Ruth Ciesinger

Ihre Schwester verschwand am 4. Januar 1978 – eines von tausenden Opfern des „schmutzigen Krieges“, den Mexikos Regierung gegen Guerillatruppen und Oppositionelle damals führte. Judith Galarzas Schwester war als Mitglied der bewaffneten Bewegung „Liga Comunista 23 de Septiembre“ erst in das berüchtigte Militärlager Nummer eins verschleppt worden. Danach verliert sich ihre Spur. Für die fünf Jahre jüngere Judith lebt sie noch heute.

Der 4. Januar habe aus ihr – einer bis dahin unpolitischen Fabrikarbeiterin Anfang zwanzig – eine Kämpferin gemacht, sagt Galarza selbst. Eine, die sich gegen politische Gewalt, gegen Einschüchterung durch die Staatsmacht und für die Rechte der Frauen einsetzt. In ihrer Heimatstadt Cudad Juarez im Norden Mexikos gründete sie ein Menschenrechtskomitee, heute ist die 53-jährige Generalsekretärin von Fedefam, dem lateinamerikanischen Dachverband von Angehörigen politisch Verfolgter und Verschwundener.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich Galarza besonders mit der Aufklärung von Frauenmorden in Mexiko und Mittelamerika; ihre Heimatstadt Ciudad Juarez ist die Stadt, in der seit 1993 Hunderte von Frauen offenbar wahllos ermordet worden sind. Eine Tragödie, die sogar schon von Hollywood mit Jennifer Lopez verfilmt worden ist, aber für die bisher niemand zur Rechenschaft gezogen wurde. Das liege daran, hat Galarza der Menschenrechtsorganisation Amnesty International gesagt, dass hier und „an vielen anderen Orten in Mexiko die wirtschaftlich und politisch Mächtigen direkt oder indirekt mit der organisierten Kriminalität verbunden sind“.

Klare Worte, die ihr viel Anfeindung und Drohungen auch seitens der Polizei eingebracht haben. Seit Galarza in Venezuela lebt, wurden sie seltener, doch sie trägt noch immer am liebsten flache Schuhe – weil man damit seinen Verfolgern besser davonlaufen kann. Doch einschüchtern lässt sie sich nicht, im Gegenteil, die dunkelhaarige Frau macht gerne Witze, hat ein freundliches, offenes Gesicht. „Von meiner Schwester“, hat sie einmal gesagt, „habe ich gelernt, dass die Rolle der Frau nicht darin besteht, zu gehorchen, das Haus zu putzen und zu kochen, sondern dass wir eine sehr wichtige Rolle dabei spielen, diese Welt in eine gerechtere Welt zu verwandeln“. Am Sonntag wurde Judith Galarza mit dem „Theodor-Haecker-Preis für politischen Mut und Aufrichtigkeit“ geehrt. Ruth Ciesinger

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