PORTRÄT : Manfred Kittel: „Bei uns hat man Willy gewählt“

Manfred Kittel ist Gründungsdirektor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Der Streit um Erika Steinbach bringt ihn in einen ungemütlichen Schwebeszustand.

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Foto: imago

Momentan muss er pendeln. Er ist aber kein Wahrsager, eigentlich ist er Wissenschaftler. Wie die Affäre um Erika Steinbach, ihren Vertriebenenbund (BdV) und die künftige Ratsstruktur der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung ausgehen mag: Das wird von Manfred Kittel natürlich nicht kommentiert. Mit einer Entscheidung der Politik habe man dann eben zu leben, ob man drüber glücklich sei oder nicht, lässt der Stiftungsdirektor verlauten. Es fordert freilich wenig Fantasie, sich auszumalen, was einen seriösen Historiker glücklicher macht: Wie bisher unter der „Kuratel“ (O-Ton BdV) der Regierung und des Deutschen Historischen Museums Migrations-Katastrophen zu erforschen und davon zu erzählen – oder lieber fortan im Schulterschluss mit BdV-Funktionären, die nach einem Umbau des Stiftungsrates in diesem Gremium das Schwergewicht darstellen könnten.

Aus Bayern, wo der 47-jährige Professor an der Uni Regensburg und Mitarbeiter am Münchner Institut für Zeitgeschichte war, ist Kittel vor vier Monaten als bestellter Gründungsdirektor einer schwierigen Institution nach Berlin gewandert. Der private Umzug des zweifachen Vaters dauert an. Noch muss er pendeln. Dass sein Amt bisweilen ungemütliche Schwebezustände erzwingt, hat er schon zu spüren gekommen: als im Sommer das deutsch-polnische Hysterien-Spiel um die „blonde Bestie“ Erika S. mal wieder fortgesetzt wurde. Schon damals, vor Vertragsabschluss, äußerte er sich zu dem brenzligen Thema lieber nicht. Der fränkische Protestant entstammt keiner Vertriebenen-Genealogie. In seiner Arbeiterfamilie „hat man Willy gewählt“, sagte er jüngst, die Ostverträge wurden akzeptiert.

Politischer Vereinnahmung vermochte der Forscher Kittel bislang zu widerstehen. Er promovierte über Vergangenheitsbewältigung unter Adenauer. Seine Untersuchung ethnischer Säuberungen und das jüngste Werk „Vertreibung der Vertriebenen?“ (2007) profilierten ihn zuletzt für die Leitung der Einrichtung, die einmal zu den „erinnerungspolitischen Leuchttürmen“ (Kittel) des Landes gehören soll. Dass der polnische Historiker Tomasz Szarota den Beirat kürzlich verlassen hat, war kein Weihnachtsgeschenk für den frisch gebackenen Direktor. Zum Monatsende will er nun einen Atlas über Zwangsumsiedlungen in Polen vorstellen, ediert von Kollegen des Nachbarlandes. Bis dahin dürfte noch ziemlich viel gependelt werden.

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