PORTRÄT MARCUS KERRIOU, FRANZÖSISCHER MANAGER: : "Das war eine erniedrigende Lage"

Es ist der siebte Fall von "Bossnapping" in Frankreich seit Anfang März: Marcus Kerriou, Kodirektor der französischen Filiale des amerikanischen Autozulieferers Molexwegen wurde wegen der drohenden Betriebsschließung 30 Stunden lang von Beschäftigten eingesperrt.

Hans-Hagen Bremer
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Foto: AFP

"Erleichtert, aber erschöpft“ verließ Marcus Kerriou, der Kodirektor der französischen Filiale des amerikanischen Autozulieferers Molex Automautives bei Toulouse, am Dienstagabend unter den Buhrufen der Belegschaft sein Büro. Etwa 50 Beschäftigte des Unternehmens hatten ihn und die Personalchefin Coline Colboc dort wegen der drohenden Betriebsschließung 30 Stunden lang eingesperrt. Auf die Toilette habe er nur mit Erlaubnis gehen dürfen und für die Nacht hätte man ihnen verdreckte Matratzen zum Schlafen angeboten: „Das war eine erniedrigende Lage.“

Dabei hatte Kerriou Glück gehabt: Er durfte sein Handy behalten. So war es ihm möglich, seinen Anwalt zu alarmieren. Der erreichte eine Vorladung eines Wortführers der Geiselnehmer vor Gericht, dem es mit strafrechtlichen Sanktionen drohte, wenn die Geiselnahme nicht sofort beendet würde. Auf Freiheitsberaubung stehen in Frankreich 20 Jahre Gefängnis. Wird das Opfer „freiwillig“ vor dem siebten Tag freigelassen, sieht das Gesetz immerhin noch fünf Jahre und 75 000 Euro als Strafe vor.

Die Festsetzung der beiden Manager ist seit Anfang März der siebte Fall von „Bossnapping“, wie die angelsächsische Presse inzwischen diese spezifisch französische Form sozialer Auseinandersetzung nennt. Zu strafrechtlichen Folgen hat bisher kein Fall geführt. Und auch die so unter Zwang zustande gekommenen Vereinbarungen wurden nicht angefochten. Die Nerven der vom Verlust ihrer Arbeitsplätze bedrohten Arbeitnehmer liegen blank. Ihre Wut wird noch durch das Verhalten von Managern geschürt, die auch in der Krise ihre Prämien kassieren. Die Gewerkschaften sind zu schwach, den Zorn zu kanalisieren, die Regierung unfähig, ihn einzudämmen. Staatspräsident Sarkozy, sonst um starke Worte nicht verlegen, gab sich betont gemäßigt, als er nach Tagen des Schweigens die Respektierung des Rechts forderte.

Laut einer Umfrage finden 45 Prozent der Franzosen an den Geiselnahmen nichts auszusetzen. In dieser Situation hat niemand Interesse daran, noch Öl ins Feuer zu gießen. Doch die Lage wird immer radikaler. Von einem „aufrührerischen Klima“ sprach Premierminister Fillon, nachdem Arbeiter des zur Schließung bestimmten Continental-Werks am Dienstag die Unterpräfektur von Compiègne bei Paris verwüstet hatten. Es wird höchste Zeit, dass die Unternehmer sich zum sozialen Dialog fähig zeigen. Hans-Hagen Bremer

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