• PORTRÄT MARGOT KÄSSMANN EVANGELISCHE THEOLOGIN:: „Die Ehe ist eine großartige Lebensform“

PORTRÄT MARGOT KÄSSMANN EVANGELISCHE THEOLOGIN: : „Die Ehe ist eine großartige Lebensform“

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Margot Käßmann war die erste Bischöfin in Deutschland, die sich scheiden ließ – nach 26 Jahren Ehe und mit vier Kindern. Der Schritt sei ihr sehr schwer gefallen, schrieb Margot Käßmann später. Aber er sei unausweichlich gewesen – „um der Wahrhaftigkeit willen“. Denn nicht auf die Konvention, nicht auf die Lebensform komme es an, sondern auf die Qualität der Beziehung.

Damit hat Margot Käßmann vor fünf Jahren vorweggenommen, was ihre Kirche jetzt mit einer „Orientierungshilfe“ als neues Familienbild vorgestellt hat: Nicht mehr allein die Form der Ehe soll fortan das Leitbild der evangelischen Kirche sein, sondern alle generationenübergreifenden Partnerschaften, in denen Menschen verlässlich und verbindlich miteinander leben und Verantwortung füreinander übernehmen.

Das neue Papier hat große Empörung ausgelöst. Kritiker werfen der evangelischen Kirche Beliebigkeit und Belanglosigkeit vor und bescheinigen dem Dokument mangelnde theologische Tiefe. Für all das machen viele Margot Käßmann verantwortlich, die an dem Papier zwar nicht mitgeschrieben hat, die sich aber mit ihrer Scheidung, mit ihrer Alkoholfahrt, mit ihrem Rücktritt und Gerüchten über ihr Privatleben grundsätzlich verdächtig gemacht hat.

Margot Käßmann wurde nach ihrer Scheidung mit viel Verachtung und Hass überzogen. Noch als es zwei Jahre später um die Wahl zum Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche in Deutschland ging, war die Häme zu spüren, als die männlichen Bischöfe bei der Kandidatenvorstellung mit der Zahl ihrer Ehejahre und Kinder prahlten. Mit Wahrhaftigkeit hatte das wenig zu tun. Und wie sich heute zeigt, leben einige ihrer größten Kritiker in den scheinheiligsten Beziehungen.

In einem „Spiegel“-Interview sagt die ehemalige Bischöfin jetzt, dass sie die Ehe für eine „großartige Lebensform“ halte. Sie hätte sich gewünscht, dass das neue Familienpapier „die positiven Seiten der Ehe deutlicher herausgestellt hätte“. Neu ist das nicht. Käßmann hat sich immer nur lobend über die Ehe geäußert, auch nach der Scheidung. Aber sie hat sich eben auch stets gegen eine Hierarchisierung in „bessere“ und „schlechtere“ Lebensformen gewehrt. Ihr Hinweis, dass auch für Martin Luther die Lebensform nicht entscheidend gewesen sei für den Glauben, verträgt gleichwohl noch einige theologische Tiefenbohrungen. Für die „Luther-Botschafterin“ Käßmann sollte das eine der vornehmsten Aufgaben sein. Claudia Keller

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