PORTRÄT MARIANNE KARMON ASF-EHRENVORSITZENDE: : „So entstehen Freundschaften“

Miguel A. Zamorano
Foto: privat
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Die Wände der Wohnung von Marianne Karmon sind voll von Bildern und Fotos: Wüstenszenen, Flüsse, exotische Landschaften. Orte, die Karmon mit dem Auto einst selbst angefahren hat. Doch seit kurzem klappt es mit dem Autofahren nicht, die Knie der Hobbyfotografin wollen nicht mehr. Dafür sind die Erinnerungen noch frisch. Karmon sitzt in ihrer Jerusalemer Wohnung, sie lächelt sanft. Die Ehrenvorsitzende des Israelischen Freundeskreises der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) wird am heutigen 2. Mai 90 Jahre alt.

Sie erzählt, als ob alles erst gestern passiert wäre. Sie spricht von der Zeit nach der Machtergreifung Hitlers, als sie in ihrer Geburtsstadt Berlin als junges Mädchen allmählich spürt, wie sich Schüler und Freunde von ihr abwenden. Weil sie Jüdin ist. Sie erzählt von Schicksalsschlägen in ihrem langen Leben, dass ihre Tochter und ihr Ehemann innerhalb kürzester Zeit starben. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gelingt Karmon als 18-Jähriger die Flucht nach Schweden. Als Dienstmädchen kommt sie bei einer Bauernfamilie unter: „Ich stand schon um fünf Uhr Morgens auf, musste die Kühe melken, die Hühner füttern.“

1949 wandert Karmon nach Israel aus. Im jungen Staat gehört die junge Kartographin zu den Ersten an, die sich um einen aktiven Kontakt mit Deutschen bemüht. Sie nimmt zwei Deutsche bei sich auf, die von Deutschland nach Israel mit dem Fahrrad fahren. Das war noch vor der Aufnahme offizieller Beziehungen. Anfangs trifft ihr Interesse bei ihren Landsleuten auf Unverständnis. Karmon muss sich Sätze anhören wie: „Die Deutschen wollten aus uns Seife machen, und jetzt möchtest Du mit denen sprechen.“ Sie lächelt ein wenig verlegen, als sie das erzählt.

Eine zentrale Frage nährt Karmons Wunsch zum Austausch zwischen den beiden Ländern: „Wie sieht das heutige Deutschland aus?“ Und deshalb begleitet sie einen Jugendlichen bei seinem einjährigen ASF-Freiwilligendienst in Israel. ASF ist dieses Jahr in Israel 50 Jahre alt geworden.

Die jungen ASF-Freiwilligen sind von Karmon begeistert. Sie sei offen, ein angenehmer Gesprächspartner, mit dem man sich über alles austauschen könne. „So entstehen Freundschaften“, sagt Karmon dazu. Viele Jugendliche begreifen schnell: Bei Karmon geht es nicht nur um Aussöhnung mit einem Opfer der Nazidiktatur. Sie genießen bei Karmon die Gegenwart einer der letzten Zeitzeugen. Miguel A. Zamorano

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